TV-Kritik

TV-Kritik: Achtung, Tochter Blocher!

Die Sendung «Reporter» hätte eigentlich zeigen wollen, wie Magdalena Martullo aus dem Schatten ihres Vaters Christoph Blocher tritt. Dabei realisierten wir: Die Tochter kann noch ganz anders.

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So manch einem Fernsehzuschauer dürfte gestern Abend kurz der Atem gestockt sein bei der Szene im Konferenzraum. Magdalena Martullo-Blocher sitzt da im Hosenanzug vor rund zwei Dutzend Kadermitgliedern der Ems-Chemie beim Managementseminar. Die 41-Jährige will überprüfen, ob ihre Mitarbeiter die Betriebsregeln intus haben und nimmt sie gehörig dran.

Unter der Knute

«Können Sie mir die sieben Lösungsschritte nennen!», sagt sie wie eine strenge Lehrerin und man weiss: Das ist keine Frage, das ist ein Befehl. Wer die Antwort nicht weiss, den lässt Blochers Tochter vor versammelter Mannschaft ins Messer laufen, sie beisst sich am temporären Opfer fest wie ein Hund an einer Wurst und hat auch dann kein Erbarmen, als ein Kollege dem armen Herrn helfen will.

«Schläfst du da vorne», murmelt Martullo kopfschüttelnd und schiebt dabei genau wie Papa Christoph die Unterlippe vor. «Bin ich froh, dass ich nur Zuschauer bin», sagt der Reporter Roland Huber und zu Hause auf dem Sofa nickt man ein wenig eingeschüchtert dazu.

Über Nacht zum Boss

Vor sieben Jahren, als Christoph Blocher in Bern den bundesrätlichen Eid ablegte, änderte sich Magdalena Martullo-Blochers Leben. Quasi über Nacht wurde sie Boss der Ems-Chemie, gerade Mal 34-jährig, im 6. Monat schwanger. «Magdalena, du musst Ems führen», hat der Papa damals zur Tochter gesagt. «Vergiss nicht, in 3 Monaten bekomme ich ein Baby», antwortete die Tochter. Und der Papa: «Das macht doch dem Kindli nichts.»

Die SVP-Devise «Frau an den Herd» mag für andere gelten, aber sicher nicht für Christophs Tochter. «Dafür bin ich nicht geeignet, mir fällt schnell die Decke auf den Kopf», sagt diese so unverblümt in die Kamera, wie wir dies vom Vater kennen. Stattdessen schaut Ehemann Roberto Martullo zu den drei Kindern. Der Secondo wurde erst vor drei Jahren Schweizer Bürger und ist schon Präsident der SVP Meilen.

Christoph Blocher in weiblich

Wenn man Madgalena Martullo-Blocher gestern Abend so zuschaute, hatte man das Bedürfnis, sich die Augen zu reiben. Es war, als würde man Christoph Blochers Alter-Ego zuschauen, einfach in weiblicher Form. Sie sieht aus wie er, spricht wie er, läuft wie er, gestikuliert wie er und führt wie er, vielleicht noch ein wenig bissiger. Darüber staunte auch der Journalist und Publizist Karl Lüönd, der von Magdalena engagiert worden war, in Rekordtempo ein Buch zum 75-Jahr-Jubiläum der Ems-Chemie zu verfassen.

Es sei «merkwürdig, wie altmodisch und gleichzeitig wirkungsvoll» Martullo führe, fast schon militärisch-diszipliniert, sagte Lüönd, während sie im Hosenanzug und mit zusammengepressten Lippen daneben stand. «Das ist wohl genetisch.» Sie sei nie im Schatten ihres Vaters gestanden, behauptete Magdalena später, «auch wenn linke Journalisten das immer behaupten». Ja, auch das ist genetisch, dachte man sich.

Überflüssige Szene

Reporter Roland Huber schaffte es, ein interessantes Porträt über die erfolgreiche Geschäftsfrau Magdalena Martullo-Blocher und die Geschichte der Ems-Chemie zu vermitteln, untermalt mit alten schwarz-weiss Bildern und Fotos aus dem Blocher'schen Familienalbum. Wir sahen Mitarbeitende beim Weihnachtsessen und im Betrieb (verfolgt von Magdalenas strengen Argusaugen), eine Videokonferenz mit Kunden in China, Baustellenarbeiter beim Ems-Anbau, die ohne zu murren auch nachts arbeiten und auch Mama Silvia und Papa Christoph, die bei der Generalversammlung stolz strahlen, während die Tochter den Umsatz- und den Gewinnzuwachs der Ems-Chemie verkündet.

Überflüssig war einzig, dass sich Reporter Huber am Anfang der Reportage selbst in Szene setzen musste und seine bissigsten Kommentare erst nachträglich über die Reportage legte. Es war, als ob der Schüler der strengen Lehrerin einen Streich spielt, wenn er längst über alle Berge ist.

Erstellt: 30.12.2010, 10:02 Uhr

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