TV-Kritik

TV-Kritik: Blauäugiger Polizeiteddy

Nach dem Saarbrückner «Tatort» fragt man sich: Wäre Kommissar Stellbrink nicht doch besser Friseur geworden?

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Eigentlich wäre Kommissar Stellbrink (Devid Striesow) am liebsten mit seinem Sohn beim Aufstieg auf den Mount McKinley. Doch er ist in Saarbrücken und hat allerhand zu tun: Ein virtuell organisierter Schlägertrupp hat einen vermeintlich pädophilen Schwimmlehrer (Markus Hoffmann) auf offener Strasse so lange traktiert, bis er im Spital an Maschinen und sein Leben an einem seidenen Faden hängt. Deshalb muss sich Stellbrink damit begnügen, die Route seines Sohnes auf der Bergkarte in seinem Büro nachzuzeichnen und «Hier müsstest du jetzt sein» zu seufzen.

Tatsächlich wünscht man ihn sich auch als Zuschauerin bald irgendwohin weit weg, diesen Stellbrink, der ständig seine hellblauen Kulleraugen aufreisst und den emotional verständigen Kommissar mit Psychologen-Background mimt. Vermutlich sind sie unfreiwillig komisch, die Szenen auf dem Kommissariat, in denen er einen der Schwimmschüler des angeblich pädophilen Opfers befragen will und ihn mit den Worten «Willst du wissen, wie man sich ganz leicht fühlen kann, wie eine Feder?» ins Büro lockt. Stellbrink jedenfalls macht mit dem Jungen Turnübungen und bringt in Erfahrung, wie dieser denn nun vom Verdächtigten am «Pipimann» angefasst wurde. Zur Belohnung gibts dann einen Polizeiteddybären.

Dialoge wie abgelesen

Ungelenk wirkt auch das Figurenrecycling aus den ersten beiden Saarbrücker Folgen: So ist es ausgerechnet der Sohn der Staatsanwältin (Sandra Steinbach) mit der strengen Frisur, der vom Schwimmlehrer im Chat bedrängt wurde und dessen grosser Bruder mit dem Flashmob Rache üben wollte. «Jetzt hab ich ein fettes Problem, er liegt im Koma. Dabei sollten die ihm nur ein bisschen auf die Fresse hauen.» Ein fettes Problem hat man derweil auch beim Zuschauen: Die Dialoge zwischen den Brüdern wirken wie abgelesen. Lustig immerhin, als sie den im Garten herumschnüffelnden Stellbrink erblicken, mit roter Vespa und Trainerhose: «Was ist das für ein Typ?» – «Keine Ahnung, vielleicht der neue Gärtner.»

Am Schluss ists ja die geisterhafte Tochter (Inga Lessmann) des Schwimmlehrers, die ihren Vater auf dem Gewissen und seine virtuelle Kinderschänder-Persönlichkeit kreiert hat. «Bist du dann mein Freund Papa, wenn du im Himmel bist?», säuselt sie auf Beruhigungsmitteln. Als sich Stellbrink erkundigt, wie sie denn den Rest ihres Lebens mit dieser Schuld leben wolle – «du hast doch dein ganzes Leben noch vor dir» –, ist er endgültig erloschen, der letzte Funken Goodwill an diesem Sonntagabend. Vielleicht sollte sich der blauäugige Kommissar künftig an sein eigenes Credo halten: «Wenn das nicht funktioniert, dann werd ich Friseur.»

Erstellt: 26.01.2014, 21:49 Uhr

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