TV-Kritik

TV-Kritik: Das Cowgirl schiesst scharf

Dominik Graf ist der beste deutsche TV-Krimi-Regisseur. Entsprechend gut war sein Münchner «Tatort» «Aus der Tiefe der Zeit».

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Manchmal muss man einfach dazu stehen und sagen: passt. Chapeau. Gut gemacht. Und das ist dann ungefähr das langweiligste Statement, das es gibt. Dabei war das Gute doch so spannend! Und hat super ausgeschaut, wie der Münchner sagen würde. Und da sind wir jetzt also, bei den Kommissaren Leitmayr und Batic in München und bei einer krassen alten Schachtel namens Magda Holzer, die früher einmal Kunstschützin im Zirkus war und am Anfang einen toten Sohn hat und am Ende zwei, weil der zweite sich in einem wundervoll blutigen Akt der Selbsttötung das Hirn wegschoss. Überhaupt gabs schön viele Leichen, durchaus auch in Nahsicht, und Leichen mag ich am «Tatort» ja eigentlich am meisten. Und eine gute Regie.

In dieser Hinsicht hatten die Münchner jetzt einfach besonderes Glück, sie bekamen den Dominik Graf, und der ist ungefähr der einzige deutsche TV-Krimi-Regisseur, der keine Fehler macht und einen unverkennbaren Stil hat. Schnell, hart, hart, hart, Handlungsanlagen, die das Komplexe nicht scheuen, eine coole Farbregie – er hat sich in München für psychedelische Akzente entschieden–, Schauspieler, die sich überschlagen vor Engagement, etwas Besonderes zu liefern. Meret Becker als Femme fatale mit DDR-Wurzeln und Perückensammlung war doch zum Beispiel grossartig!

Der Rechen der Rache

Dominik Graf, Jahrgang 1952, ist ja unter allen deutschen Fernsehschaffenden derjenige, der am häufigsten den Grimme-Preis gewonnen hat, nämlich bis jetzt zehnmal. Aktuell ist er der LAP, also der Lebensabschnittspartner der Regisseurin und Oscar-Preisträgerin Caroline Link. Er sieht wie der Bruder von Steven Soderbergh aus, und im Nebenamt ist er Professor für Spielfilmregie. Und der Herr Professor liefert nun die fettesten Strassenfeger. Der Mehrteiler «Im Angesicht des Verbrechens» war einer davon, auch der war ausgezeichnet, und ich hielt den Grafen damals für ein, sagen wir, 28-jähriges Genie, so prall und frisch wirkte das alles.

Item, ich musste hier ein bisschen ausholen, es war mal eine kleine Hommage an einen «Tatort»-Regisseur fällig, das gibts ja viel zu selten. Aber zurück nach München: Es ging da ja nicht nur um tote Söhne, sondern auch um die urbane Krankheit Gentrifizierung, um patriotische Kroaten und – besonders hübsch – um einen Nazi, der von der Kunstschützin kurzerhand in einen Keller gesperrt und zu Tode gehungert worden war. Die Rache ging da quasi mit einem grossen Rechen um in München. Und man sah ihr dabei zu und sah, dass es gut war.

Erstellt: 27.10.2013, 22:09 Uhr

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