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TV-Kritik: «Dein Talent passt auf ein Konfetti»

Das SF suchte gestern zum ersten Mal «Die grössten Schweizer Talente». Die Sendung zeigte: Show ist halt nicht des Schweizers Kernkompetenz.

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Bei Mister Gay 2010 Dominic Hunziker wird DJ Bobo unfair. Dessen gut gesungenes Lied beeindruckt ihn nicht. Als einziger in der Jury stimmt er gegen ihn. Seine Begründung: Er singe okay, aber es sei unnötig, dass er soviel Wirbel um seinen Mister-Titel mache.

Willkommen zur neuen Samstagabendshow des SF. Wie Dominic Hunziker sind im Vorfeld andere 1000 Kandidaten angetreten, das «grösste Schweizer Talent» zu werden. Was für eine Art Talent zur Schau gestellt wird, ist zweitrangig, Hauptsache, es unterhält. Originell ist das nicht immer. Die 49-jährige Baselbieter Buschauffeuse Maya Wirz etwa stellt sich als Schweizer Version von Susan Boyle dar. Sie wolle zum Star erkoren werden, weil sie vom schottischen Casting-Wunder inspiriert worden sei. Wie Boyle singe sie sehr gut Opern, obwohl sie nicht gerade die Schönste sei.

Wie in der Ricola-Werbung

Oder: Eine Akrobatiktruppe aus Sulz, die zu ihrer Nummer Billig-Techno laufen lässt. Das müsste Bobo eigentlich gefallen. Doch nein, er nörgelt schon wieder. Das Timing habe nicht gepasst. «Wirst du das grösste Schweizer Talent?», fragt er immer wieder. Einmal gar auf Hochdeutsch mit Schweizer Akzent, was an Erich Vocks pedantisches «Wer hat’s erfunden?» aus der Ricola-Werbung erinnert.

Vielleicht hat ja Kandidatin Clarissa Ferenczi recht? Sie lehnt sich gegen die Jury auf. DJ Bobo sei eigentlich nur ein «Zuckerbäcker», während sie Gesang studiert habe. Doch auch mit Süssem kann man den griessgrämigen Juror nicht überzeugen. Ein allerliebstes Kinderpärchen, das perfekt Boogie-Woogie tanzte, entlockt ihm nur ein knappes Ja. Er tue sich schwer mit Kindern auf der Bühne, meint er trocken. Nur etwas rührt Bobo zu Tränen: Als Jasmin Gür und Remo Hellmüller das Lied «Heaven» des verunglückten Gotthard-Sängers Steve Lee spielen.

Charmante Rigozzi

Guter Dinge ist dafür Ex-Miss-Schweiz und Jurorin Christa Rigozzi. Die Tessinerin kopiert Sylvie van der Vaart aus der deutschen Supertalent-Show. Wie die holländische Fussballergattin reisst Rigozzi ihre Augen ganz weit auf, wenn sie eine Darbietung überrascht. Ihr «Jöh! So herzig!» erschallt laut. Mit charmanten Sprachfehlern («Drei Minüten Berühmtheit», «Das Publikum ist das vierte Juror») sorgt sie für Lacher. Nach ein paar Sendungen könnte das aber tüchtig auf die Nerven gehen.

Und Rigozzi ist nicht immer neutral. Opernsänger Alessandro Veletta, der sich mitten im Lied die Kleider vom Leib reist und anfängt Luftgitarre zu spielen, findet sie trotz seiner «gruusigen Unterhosen» ganz toll. Der Grund: Er ist ein Tessiner. «Seid ihr auch ein Liebespaar?», fragt sie zudem alle Kandidaten, die als Duo auftreten.

Routiniert klopft der dritte Juror Roman Kilchsperger seine Sprüche. Eine Coiffeuse aus Schaffhausen, die im gestreiften Outfit auftritt, nennt er liebevoll «miis Lieblingszebra». Und zu einem der vielen Untalentierten meint er: «Du wirst heimgehen, das anschauen und froh sein, dass wir dich rausgeschmissen haben.» Zu einem unfreiwillig komischen Humoristen sagt er: «Dein Talent passt auf ein Konfetti.»

Kein Weltstar in Sicht

Deutlich unterfordert sind die Moderatoren. SF-Star Sven Epiney, sonst omnipräsent in seinen Sendungen, darf lediglich die Kandidaten hinter der Bühne abfangen. An seiner Seite steht Andrea Jansen. Ein Kopf kleiner als Epiney, geht sie neben ihm fast unter. Weiter bleibt den beiden die undankbare Aufgabe, öde Einspieler zu kommentieren.

«Anders sein, ist schwierig», porträtiert Jansen etwa den 14-jährigen Shelquium Etemi aus Zürich, der für seine femininen Tanzeinlagen in der Schule gehänselt wurde. «Heute sagt ihr Herz, wo es lang geht», meint sie schmalzig zur Buschauffeuse, die den Schritt weg vom Lenkrad ins Rampenlicht wagt. Und als sie fertig ist, kommentiert Epiney mit betont ehrfürchtiger Stimme: «Die Jury steht, das hat es noch nie gegeben.»

Wie diese Standing Ovation wirkt die ganze Show inszeniert. Ohne Telefon-Voting bleibt der Mitfieber-Faktor minim. Zu beliebig sind die Darbietungen, zu viele fallen in die Kategorie «Leider nein». Trotzdem, oder gerade deshalb, unterhält die Sendung insgesamt ordentlich, wenn auch meist auf Kosten der Talente. Anders gesagt: Einen zukünftigen Weltstar findet man hier nicht.

Muss man auch nicht. Wir erinnern uns: Bei der RTL-Version der Show sorgte ein Mann, der mit seinem Penis Gemälde malte, für Quote. Ganz so derb ist SF allerdings nicht. Viele Kandidaten werden aber wie schon in Deutschland vorgeführt. Ein «Talent» kam etwa auf die seltsame Idee, mit seinem Speichel Blasen formen zu wollen und blamierte sich dann, weil ihm auf der Bühne die Spucke wegblieb. Ein als Huhn Verkleideter wird von Roman Kilchsperger gar als Fall für die «Gummizelle» bezeichnet, das Publikum im Saal buht mit. Ein Höhepunkt des öffentlich-rechtlichen Fernsehens ist «Die grössten Schweizer Talente» sicher nicht - trotz DJ Bobos gestrenger Attitüde.

Erstellt: 30.01.2011, 09:09 Uhr

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