TV-Kritik

TV-Kritik: Der König, der keiner sein will

Zeynel Demir kam als Asylbewerber in die Schweiz, heute leitet er die grösste hiesige Dönerproduktion. Dem gestrigen SRF-Dokumentarfilm über ihn hätte man mehr Ruhe und weniger Personal gewünscht.

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Stünde Zeynel Demirs Geschichte, die der kurdische Dokumentarfilmer Yusuf Yesilöz in «Der Dönerkönig» aufarbeitet, in einem Drehbuch, man würde sie als zu übertrieben abtun. Vor 26 Jahren kam er mit seiner Frau als Flüchtling in die Schweiz. Heute beschäftigt er 115 Mitarbeiter, die täglich 16 Tonnen Dönerfleisch verarbeiten. 8000 Tonnen Fleisch pro Jahr, das schafft nicht mal McDonald's. Royal Döner hat in der Schweiz einen Marktanteil von 55 Prozent. Im Betrieb arbeiten fast ausschliesslich Kurden, die wichtigen Stellen hat Demir mit Verwandten besetzt. «Ich sehe meine Mitarbeiter wie eine Familie», sagt er, «ich lasse sie nicht spüren, dass ich der Chef bin.»

Neun Jahre musste Demir nach seiner Einreise auf einen Asylentscheid warten. Regisseur Yusuf Yesilöz, der zur gleichen Zeit wie Demir als kurdischer Asylbewerber in die Schweiz kam, versammelt in seinem Film alle, die damals Schlüsselrollen für Demirs Zukunft spielten: das Schweizer Paar, mit dem Demir und seine Frau in einer grossen Wohngemeinschaft lebten und das ihm half, Royal Döner aufzubauen; der Asylberater, der ihm zur Seite stand, und der zuständige Richter, der sein Asylgesuch schlussendlich bewilligte. «Ich musste schmunzeln und dachte, es wäre an der Zeit, wieder mal einen Kebab zu essen», entgegnete dieser auf die Frage, was ihm durch den Kopf ging, als er von Demirs Aufstieg gehört hatte.

«Kebab ist mein Lieblingsessen»

Der Porträtierte wirkt bei all diesen Treffen wie jemand, für den man eine Überraschungsparty organisiert hat und der nun nicht so recht weiss, wie er sich verhalten soll. Er lächelt schüchtern, schüttelt Hände und sagt Sätze für die Kamera. Als der Winterthurer Stadtpräsident und der zuständige Standortförderer einen Firmenbesuch abstatten und Demir bei Kaffee und Kuchen nach seinem Erfolgsrezept fragen, scheint er sich nicht wirklich wohlzufühlen. Sein Mitarbeiter spricht für ihn, auch wegen der Sprache, die ihm immer noch Mühe macht. Die Antwort freut den Standortförderer: Auf die Anbindung des regionalen Gewerbes werde grossen Wert gelegt, ein gutes und familiäres Absatznetz sei sehr wichtig. Das wirkt gar einstudiert, und als ein Schweizer Fleischlieferant an einer Veranstaltung beteuert, er liebe Kebab, es sei seine Lieblingsspeise, wähnt man sich ganz kurz in einem PR-Film. Nur der, dem die Werbung eigentlich gelten sollte, wirkt dafür zu verlegen.

Man kommt nicht umhin, sich ebenfalls nach seinem Erfolgsrezept zu fragen, das einem der Film tatsächlich irgendwie schuldig bleibt. Wie das damals anfing mit seinem Business, wie es wuchs und immer grösser wurde, das hätte man gerne erfahren. Nicht umsonst sind Erfolgsgeschichten schliesslich so erfolgreich.

Mehr Ruhe – weniger Personal

Der Schmerz darüber, dass er nicht in sein Heimatdorf zurückkann – er ist dort wegen seines politischen Engagements in einer Widerstandsbewegung immer noch zur Fahndung ausgeschrieben –, scheint gross, und die Schweiz ist ihm nach wie vor immer wieder fremd. Oder, wie es Demirs Sohn formuliert: «Wenn wir dorthin gehen, betrachten sie uns als Schweizer, sind wir hier, betrachten sie uns als Ausländer.»

Der Regisseur Yusuf Yesilöz, der sich dem Thema Migration in mehreren Romanen und Dokumentarfilmen widmete, ist ein Freund Demirs. So entspannt wie beim traditionellen Tanz am Weihnachtsfest oder beim Kartenspielen habe er ihn nie gesehen, sagt er am Schluss über den Porträtierten. So hätte man dem 50-minütigen Film ein bisschen weniger Personal und ein bisschen mehr von dieser Ruhe gewünscht. Von seiner Frau und seinen Kindern lebt Demir mittlerweile getrennt, die Differenzen waren zu gross. «Das habe ich mir so nicht vorgestellt», sagt Demir dazu. Das Etikett des Dönerkönigs, so scheint es, behagt ihm nicht so ganz.

Erstellt: 17.10.2013, 09:44 Uhr

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