TV-Kritik

TV-Kritik: «Der Papst ist bloss ein Bischof»

Der «Club» behandelte gestern den Abgang des Papsts. Nach anfänglicher Lobpreisung wurde durchaus erregt diskutiert.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Rücktrittsankündigung von Papst Benedikt XVI. hat weltweit Verblüffung ausgelöst. Auch die Gäste im gestrigen «Club» zeigten sich überrascht, wiesen jedoch darauf hin, dass Benedikt XVI. die Möglichkeit eines Rücktritts bereits in einem seiner Bücher angedeutet hatte. Für Publizistin Klara Obermüller passte der Rücktritt aus gesundheitlichen Gründen zu Benedikt, habe dieser doch stets versucht, Ratio und Glauben unter ein Dach zu bringen: «Die Trennung von Mensch und Amt ist typisch für Ratzinger.»

Auch Abt Martin Werlen vom Kloster Einsiedeln und Vertreter der Bischofskonferenz sah den Rücktritt des Papstes als «konsequenten Schritt, nicht das Amt, sondern Christus ins Zentrum zu rücken». Eine regelrechte Lobpreisung kam von Weihbischof Marian Eleganti vom Bistum Chur. Für ihn war Benedikt ein «unabhängiger Denker, der immer sich selbst blieb, demütig und schüchtern, mit einem prophetischen Zug».

Ob so viel Beifall hatte man fast das Gefühl, Roger Federer sei zurückgetreten. Zu Recht bremste Moderatorin Mona Vetsch den Kirchenmann und erkundigte sich nach kritischen Stimmen zum Rücktritt. In der Runde fanden sich allerdings keine. Vielleicht hätte man einen deutschen Kirchenmann einladen sollen – der Berliner Erzbischof sieht das Amt nach Benedikts Demission ja als «entzaubert» an.

«Missverständnisse»

Gewiss, mit seinem bewussten Rückzug hat Benedikt geschafft, was er mit vielen seiner Reden nicht vermochte. Er hat die Menschen berührt. Und ja, er war der Papst, der keine Chance hatte. Sein Vorgänger Papst Johannes Paul II. war äusserst beliebt und erfolgreich – der Papst, der zum Fall der Mauer beitrug und Galileo Galilei rehabilitierte. Jeder, der ihn beerbte, hätte einen schweren Stand gehabt. Dass Ratzinger eigentlich keine Lust aufs Amt hatte, machte die Sache für ihn nicht einfacher. Wieso er denn überhaupt Papst geworden sei, wollte Vetsch wissen. Obermüller: «So ein Angebot kann man nicht ablehnen.»

Das mag sein. Trotzdem wollte man nach einer Stunde der Huldigung einwerfen, dass Ratzinger auch der Papst war, der die Protestanten herabwürdigte, Muslime und Juden erzürnte und mit Bischof Richard Williamson einen Holocaust-Leugner rehabilitierte. Verdankenswerterweise zählte Klara Obermüller dann besagte Fehltritte auf, die sie diplomatisch als «Missverständnisse» bezeichnete.

Spannend, weil auch für die Zukunft relevant, wurde die Diskussion, als es um die Strukturen der katholischen Kirche ging. Pfarreibeauftragte Monika Schmid sprach Benedikt den Bezug zur Basis ab. Abt Martin Werlen widersprach, der Papst habe die Leute erreichen wollen, sei aber von gewissen Leuten, die alten Idealen nachhängen, vereinnahmt worden. Weihbischof Marian Eleganti wiederum, der zwischendurch das Hohelied aufs Zölibat sang, sah kein Dialog-Problem zwischen den verschiedenen Instanzen.

«Ratzinger hatte die Kraft nicht»

Protestantin Obermüller, die zunehmend als eine Art Sidekick von Mona Vetsch fungierte, erinnerte an das Kollegialitätsprinzip: «Der Papst ist eigentlich bloss der Bischof von Rom.» Wenn er gemeinsam mit seinen Kollegen die Probleme anpacken würde, gebe es weniger zentralistischen Leerlauf, die Anliegen der Ortskirchen würden ernster genommen. Davon wollte Martin Iten, zuständig für den Weltjugendtag in Zug, nichts wissen – der Papst sei nun mal der Nachfolger Petri.

Doch auch wenn der Papst das letzte Wort hat, stellt sich natürlich die Frage, ob er sich gegenüber dem Apparat durchsetzen kann, ob er Erneuerungen anzureissen vermag. Obermüller bejahte diese Frage, räumte aber ein, dass es dazu sehr viel Kraft brauche. Kraft, sich gegenüber dem Apparat durchzusetzen: «Ratzinger hatte die Kraft nicht.»

Ja, will man einen starken Papst wie Johannes Paul II., der Entscheidungen an sich riss? Oder eher einen schwächeren wie Benedikt, der lieber delegiert? Zum Schluss diskutierte der «Club» die Nachfolgerfrage. Gewünscht wurde von den Gästen ein Papst, der die Freude zum Glauben zurückbringt, der alle Katholiken als Leib Christi vereint, ausserdem soll es ein Mann Gottes sein und ein Brückenbauer gegenüber anderen Religionen.

Kein Wunder, dachte sich da wohl mancher Zuschauer, ist Benedikt zurückgetreten.

Erstellt: 13.02.2013, 10:38 Uhr

Artikel zum Thema

Auf Twitter ist ein anderer Papst

Hintergrund Die Twitter-Versuche von Benedikt XVI. waren äusserst bescheiden. Dafür löste sein Rücktritt einen Social-Media-Sturm aus. Eine Bilanz. Mehr...

Zuerst war der Film, dann wurde er Realität

Hintergrund Mit «Habemus Papam» hat der italienische Regisseur Nanni Moretti die Realität vorweggenommen. Der Film, der beim Vatikan nicht gut ankam, erzählt die Geschichte eines Papstes, der nicht Papst sein will. Mehr...

«Er hat den Kontakt zur Realität längst verloren»

Interview Psychoanalytiker Mario Erdheim sagt, wer in seinem Beruf so viel narzisstische Bestätigung bekomme wie der Papst, müsse sich nicht ändern. Benedikt habe keinerlei Bezug mehr zu den Problemen der Menschen. Mehr...

Dossiers

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Kommentare

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Klimawand: Andres Petreselli bemalt in San Francisco eine Hausfassade mit einem Porträt von Greta Thunberg. (8. November 2019)
(Bild: Ben Margot) Mehr...