TV-Kritik

TV-Kritik: Der unschweizerische Urschweizer

Einsilbigkeiten nuschelnd wurde Wetterschmöcker Martin Horat weltberühmt. «Reporter» ging dem Phänomen in einem Dokfilm auf den Grund – und stiess auf das Geheimnis des urchigen Schwyzers.

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Martin Horat ist der «Coolman» der Nullerjahre. Doch billigen Techno wie einst Peter Steiner hat Martin Horat nicht nötig – er frisst stattdessen Schnee. Oder setzt sich in Ameisenhaufen. So sagt er das Wetter voraus.

Der 68-jährige Schwyzer Sensenhändler ist seit 25 Jahren Mitglied der Muotathaler Wetterschmöcker. Der Verein, so heisst es in den Statuten, «bezweckt in erster Linie die Wettervorhersage in den Versammlungen oder in der Tagespresse». Seit er für Schweiz Tourismus in Spots auftritt, ist Horat wie Steiner ein Werbestar. Doch damit nicht genug. Horat prophezeite einen strengen Winter. Seither kennt man ihn auch über die Landesgrenzen hinaus.

Horat ist eine jener Werbefiguren, die so authentisch wirken, dass man sich zuerst fragt, ob das ein Schauspieler oder ein echter Bergler ist. Und ob so viel Authentizität überhaupt möglich ist, will heissen: Wer ist der Mann? Dieser Frage ging der Dokufilm von Marc Giriet nach – und scheiterte zuerst. Denn Horat, optisch eine Mischung aus Christoph Blocher und Thomas Bucheli, sieht nicht nur wie das Klischee eines Urschweizers aus, sondern spricht auch wie einer: einsilbig und in schwer verständlichem Dialekt.

Rummel um Person

Viel war vom Wetterschmöcker über Fragen also nicht zu erfahren. Auf seine Religiosität angesprochen, meinte er: «Wer weiss scho, was de Herrgott dänkt.» Auf seine Gesundheit angesprochen, hiess es: «S Wätter merkt me schoo im Alter.» Seine mediale Bekanntheit kommentierte er so: «Du muesch dich selber bliibe.» Wollte Horat nichts preisgeben – oder gabs da nicht viel Interessantes zu holen? Dies blieb so vage, wie es die Prophezeiungen der Muotathaler Wetterschmöcker sind.

Spannender war da die Frage, inwiefern Horat respektive seine Figur unsere Sehnsucht nach der Urschweiz bedient. Dass dem tatsächlich so ist, zeigte Giriet hübsch, indem er Horat nach Zürich begleitete, wo er bei TeleZüri brav alle Bergler-Klischees erfüllte – obwohl er schon als junger Mann oft in der Stadt war. Wie Horat mit dem Rummel um seine Person umgeht, war denn auch zum ersten Mal erhellend («Das kann man nicht lernen, das muss einem gegeben sein»).

Die leichte Anmassung wollte nicht richtig ins Bild des bescheidenen Berglers passen. Aber offenbar ist Horat auch kein typischer Wetterschmöcker. Seit die urchigen Meteorologen Kult sind, schlägt er aus seiner Popularität Profit – was zum Bruch mit dem Präsidenten des Vereins führte. Diesem war der Rummel zu viel geworden, er verlangte mehr Seriosität. Doch er stiess auf taube Ohren und wurde als Präsident abgesetzt.

Menschen ohne Fantasie

Leider wurde diese Anekdote im Film gestern nicht erörtert. Stattdessen bat Giriet den Wetterschmöcker, er möge doch bitte ein bisschen Schnee kosten und ihm sagen, wie der Sommer werde. Horat tat ihm den Gefallen. «Hm, sehr gut zu essen, kaum Säure, aber auch zu wenig süss», so der Wetterschmöcker bedeutungsvoll kauend, um dann zur Prognose zu kommen: «Schwierig zu sagen.» Da musste nicht nur der Reporter lachen, auch Horat pflichtete schmunzelnd bei, dass Menschen ohne Fantasie «arm dran» seien.

In den Statuten der Wetterschmöcker heisst es: «Ferner hat der Verein die Aufgabe, die Geschehnisse des Tages in humorvoller Weise zu skizzieren, jedoch unter der Voraussetzung, niemandem dadurch wehzutun oder zu schaden.» Eine etwas komplizierte Definition für Martin Horats Erfolgsgeheimnis: Der Mann ist ein geborener Entertainer. Eigentlich höchst unschweizerisch. Oder ist das auch wieder ein Klischee? (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 20.02.2012, 10:23 Uhr

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