TV-Kritik

TV-Kritik: Die Geheimnisse des Beckenbodens

Eine Sexologin begleitet im deutschen Fernsehen Paare auf ihrem Weg zu einem erfüllteren Sexualleben. Doch muss man sich bei «Make Love» fremdschämen? Nein, überhaupt nicht.

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«Habt ihr guten Sex?», fragt die Sexologin, und die Bauarbeiter grinsen so verlegen, dass sie in ihren Uniformen plötzlich aussehen wie verkleidete Buben. «Über Sex spricht man nicht – ich schon!», so der Leitspruch von Sexual- und Paartherapeutin Ann-Marlene Henning. Gestern begann sie in der SWR-Sendung «Make Love» ihre aufklärerische Mission. Das Ziel: Ein ungezwungenerer Umgang mit Sexualität und Körperlichkeit – und eine Verbesserung der Beziehungsqualität. Denn sexuelle Unzufriedenheit, so belegen laut Henning mehrere Studien, ist eine der Hauptursachen von Beziehungsproblemen.

Bei «Make Love» sind die Problemkinder Paare, und Ann-Marlene Henning ist die Supernanny der Geschlechtsteile: «Die meisten Frauen haben keine Beziehung zu ihrer Vagina», konstatiert sie bestürzt, «das da unten» werde grösstenteils ausgeklammert. So erstaune es weiter nicht, dass über die Hälfte aller Männer und Frauen mit ihrer Sexualität unzufrieden seien – und mit ihren Partnerinnen und Partnern gar nicht erst über Sex reden würden, aus Angst vor deren Reaktion.

Das erste Problempaar will nun herausfinden, ob der Sendungsuntertitel «Liebe machen kann man lernen» hält, was er verspricht. Jessica und Oli sind seit zehn Jahren zusammen. Streit haben sie nie – Sex aber praktisch auch nicht. Henning zückt ihr iPad und zitiert einen amerikanischen Sexualtherapeuten: «Den Partner, den du immer schonst, mit dem hast du keinen Sex mehr!» Der Mann im iPad illustriert dies mit dem Bild der Auster, die auch erst dann eine schöne Perle produziere, wenn der Druck im System und die Reizung von aussen genügend gross seien. «In einer guten Beziehung traut man sich auch mal etwas zu sagen, das die Stimmung verderben könnte.»

Und die Synapsen wachsen

Doch bei den sprichwörtlichen Perlen soll es nicht bleiben: Henning zückt eine Plüschvagina, Mösette genannt, und offenbart dem staunenden Paar, dass die Klitorisperle eben tatsächlich nur die Spitze der weiblichen Erregungsleitung sei: «Wusstet ihr, dass die Klitoris bis zu zehn Zentimeter lang ist und dass auch Frauen eine Prostata haben?» Das Paar ist erstaunt, die Sexologin erfreut. Überhaupt wirkt Henning die ganze 45-minütige Sendung über so enthusiastisch wie eine Forscherin kurz nach ihrem grossen Durchbruch. Das könnte tatsächlich schnell nerven, tut es aber nicht: Weil Hennings Begeisterung authentisch wirkt. «Man kann quasi Synapsen wachsen hören», entfährt es ihr zum Beispiel, als sie dem Paar die Vorteile des Beckenbodeneinsatzes beim Sex erläutert. Illustriert wird dies mit dem Einspieler eines echten Paares beim Sex, dessen Sexualorgane mittels Animationstechnik visualisiert werden. «Die folgende Sendung ist für Jugendliche unter 16 Jahren nicht geeignet», wurde denn auch zu Sendungsbeginn eingeblendet – und die Medien berichteten im Vorfeld aufgeregt über das ungewohnt explizite Format.

Diese Aufregung lässt Henning kalt. Lieber berichtet sie über erigierte Schamlippen («Die schwellen auch an, wie Penisse, einfach mal nach dem Sex im Spiegel anschauen!») oder befragt Cafébesucherinnen am Nebentisch über ihre Beziehung zum eigenen Geschlechtsteil. Wenn wir alle so viel Spass hätten an unserem Körper wie Henning – die Welt wäre bestimmt ein bisschen besser. Und der Sex sowieso.

Erstellt: 07.11.2013, 16:53 Uhr

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