TV-Kritik

TV-Kritik: Die Grenzen der Toleranz

Im gestrigen «Tatort» diente eine spannende Geschichte als Vehikel für ein brisantes Thema: Die Genitalverstümmelung von Frauen.

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Das Gemaule der Schüler war gross: Als sich die Klasse 9b der Albert-Einstein-Hauptschule in Ludwigshafen nach den grossen Sommerferien wieder zusammengerauft hatte, gab es Mathematik statt Kunst. Denn die zuständige Lehrerin Heike Fuchs war nicht zur Arbeit erschienen. Da die 44-Jährige alleinstehend war, hatte sie bis zum Schulbeginn auch niemand vermisst. Doch sie war nicht etwa an einem fernen Sandstrand in der Sonne liegen geblieben; ihre Leiche war den ganzen Sommer über auf ihrem heimischen Sofa vermodert. Zu Beginn der Ferien war sie zu Tode gekommen – ertränkt im Wasserbecken des Zimmerspringbrunnens.

Lange Verdächtigenliste

«Tod einer Lehrerin» hiess der gestrige Fall des eingespielten Ludwigshafener Ermittlerduos Odenthal/Kopper. Ein vielschichtiger, vertrackter Krimi, in den noch ein privater Erzählstrang um Hauptkommissar Mario Kopper (Andreas Hoppe) gewoben wurde: Ist er der Vater einer Kollegin der toten Lehrerin? Diese eher unwahrscheinliche Nebengeschichte war fast zu viel und brachte die sonst schon reich befrachtete TV-Produktion beinahe zum Kippen. Aber die Macher kratzten gerade nochmals die Kurve und überzeugten letztlich.

Auch wenn diese «Tatort»-Folge eher actionarm wie ein Kammerspiel inszeniert wurde, war die Spannung gross. Lange tappten die Ermittler und auch die Zuschauer im Ungewissen, wer der Täter sein könnte, lang war die Liste der Verdächtigen: Da war der Ex-Schüler Paul, dem die Lehrerin Heike Fuchs mit einer schlechten Note den Schulabschluss vermasselt hatte; da war das Ehepaar Betz, dessen Sohn auf einer von Fuchs geleiteten Schulreise ertrunken war; und weshalb war die aus Somalia stammende Schülerin Eshe so verstört wegen des Todes von Heike Fuchs?

Nach und nach zeigte sich, dass Eshes Geheimnis den Kern des Krimis bildete: Die Afrikanerin wollte verhindern, dass ihre kleine Schwester rituell beschnitten wurde. Und in diesem Kampf wurde Eshe von ihrer Lehrerin Heike Fuchs unterstützt. Und nun war die Helferin tot. Wurde sie von jemandem aus dem deutschafrikanischen Begegnungszentrum ermordet, der an der grausamen Tradition festhalten wollte? War Eshe deshalb nun auch in Gefahr?

Banaler Tod

Der neueste «Tatort» griff mit der Genitalverstümmelung von Frauen ein brisantes Thema auf. Der Film machte auch deutlich, dass dies nicht bloss ein Problem im fernen Afrika ist, sondern auch Europa betrifft: In «Tod einer Lehrerin» versammelten sich afrikanische Mütter mit ihren kleinen Töchtern, um in der Abgeschiedenheit eines leeren Hochhauses in Ludwigshafen eine Massenbeschneidung vorzunehmen. Und in der Figur von Dr. Grossmann hatten sie auch noch einen deutschen Arzt, der sie im Verborgenen unterstützte.

«Da hört’s bei mir auf mit Toleranz», sagte Hauptkommissarin Lena Odenthal (Ulrike Folkerts), nachdem sie mit Eshes Hilfe diese illegale Aktion auffliegen liess. Der spannende Krimi mutierte geschickt zu einer anklagenden Sozialstudie über gesellschaftliche Missstände. Aufgerüttelt durch das Thema, geriet die Aufklärung des Mordfalls beim Zuschauer am Schluss fast in Vergessenheit.

Der Fall erwies sich denn auch mehr als Unfall, als Verkettung unglücklicher Umstände: Nachdem der Vater des ertrunkenen Sohnes der Lehrerin ein Narkotikum verabreicht hatte, flüchtete er, weil es an der Tür klingelte. Die Frau von Dr. Grossmann wollte Heike Fuchs von einer Anzeige gegen ihren Mann wegen der illegalen Mädchenbeschneidungen abbringen. Als die betäubte Lehrerin während des Disputs zwischen den Frauen mit dem Kopf ins Wasserbecken des Zimmerspringbrunnens fiel, unterliess es Regula Grossmann einfach, die benommene Heike Fuchs zu retten. So banal kann ein Tod sein.

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Erstellt: 12.09.2011, 09:45 Uhr

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