TV-Kritik

TV-Kritik: Die Schläger von Berlin

In der «Tatort»-Folge «Gegen den Kopf» sind die Kommissare Ritter und Stark nicht nur von der neuen Technik überfordert. Als Zuschauer stellt man sich die Frage: «Was würde ich in einer solchen Situation tun?»

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Wenn Polizisten alt werden, landen sie auf den aktuellen Image-Plakaten der Zürcher Kantonspolizei, wo Sätze wie «Schicken Sie mich in Rente» oder «Lösen Sie mich ab» in fetten gelben Lettern eifrigen Nachwuchs anwerben sollen. Oder aber sie verstehen im Berliner «Tatort» die Welt nicht mehr. Das Kommissarenduo Ritter und Stark jedenfalls schien im heutigen «Tatort» mit dem Titel «Gegen den Kopf» vom Ausmass der Jugendgewalt ebenso vor den Kopf gestossen, wie dem Opfer ebendieser zerschlagen wurde.

«Zu meiner Zeit hat man noch aufgehört, zu schlagen, wenn ein Mensch am Boden lag», stellt Kommissar Stark fest, nachdem Mark Haessler (Enno Kalisch) an einer U-Bahn-Haltestelle brutal zugerichtet aufgefunden wurde und wenig später im Krankenhaus verstarb. Aufnahmen diverser Überwachungskameras und Zeugenaussagen der U-Bahn-Fahrgäste belegen, was sich davor abspielte: Konstantin (Jannik Schümann) und Achim (Edin Hasanovic) zogen pöbelnd durch einen U-Bahn-Waggon. Sie suchten Stress und ein Opfer, das sie in einem gehbehinderten Rentner fanden. Die Mehrheit der Fahrgäste schaute stumm weg, als sie mit dessen Krückstock, obszöne Rammelbewegungen vollführend, durchs Abteil tanzten, Pornogestöhne inklusive. Nur der später Ermordete traute sich, die Jungen in die Schranken zu weisen.

Mit Wodka verdünnt

So stehen die Täter in «Gegen den Kopf» von Anfang an fest. Zwei Jugendliche «im Alter zwischen 16 und 20 Jahren.» Besondere Auffälligkeiten? «Nicht für Berlin», kommentiert die Polizistin. Achim Wozniaks Asideutsch sitzt denn auch perfekt, und der Schauspieler Hasanovic meint dazu im Interview: «Hiesse meine Rolle Mohammed oder Ali, hätte ich sie nicht spielen wollen, weil das eine Ansicht fördern würde, die verzerrt und falsch ist.» Es ist trotzdem Hasanovics Figur, «die früher viel Scheisse gebaut hat» und in einer betreuten Wohneinrichtung für jugendliche Straftäter auf Bewährung lebt. Jannik Schümann indes mimt das Rich Kid Konstantin Auerbach perfekt, das unter dem dominanten Selfmade-Millionärsvater leidet. Den Kummer ob der Ex-Freundin, die im Auto auf dem Nachtclubparkplatz vor seinen Augen bereits anderweitig kopuliert, verdünnt er mit Wodka-Shots. Es ist diese Mischung, die ihn am Ende zum Täter macht; schreiend wie ein Tier, als er sein Opfer traktiert. Zunächst belasten sich die beiden Jungen aber gegenseitig. Die Suche nach dem Täter weicht der Suche nach dem Haupttäter.

Das kollektive Feindbild des ausser Kontrolle geratenen, die Gesellschaft überfordernden Jugendlichen wird gekonnt ergänzt: Die Kommissare stossen auch bei der jungen Technik zur Täterüberführung in «Gegen den Kopf» an ihre Grenzen. Das Mosaik aus Überwachungskamera-Mitschnitten, Handyvideos und Providerlisten können Ritter und Stark nur mithilfe der jungen Kollegen zusammensetzen, die sich mit Cloud-fähigen Endgeräten auskennen. So trauert Stark der eigenen Jugend nach, in der er noch gegen den Überwachungsstaat demonstrierte, statt Zeugen mittels der zur Tatzeit am Tatort eingeloggten Handys zu ermitteln. Ritter kommentiert derweil trocken: «Und heute ist dein Sohn Fachmann für soziale Netzwerke.»

«Es gibt keinen Grund»

Doch nicht nur die Kommissare, auch die Öffentlichkeit ist überfordert: Wann wird der Zuschauer zum Mittäter? Wann soll man einschreiten? Über 30 Sekunden lang haben die Zeugen nur beobachtet, ohne einzuschreiten. Da war es für das Opfer bereits zu spät. Es ist denn auch das Thema der Zivilcourage, das in «Gegen den Kopf» am meisten nachhallt: Was würde ich in einer solchen Situation tun? Schliesslich steht am Ende die Sinnlosigkeit der Tat im Vordergrund. Auf die Frage, warum der Mann sterben musste, antwortet der überführte Haupttäter Auerbach nüchtern: «Ich weiss es nicht. Einfach so, es gibt keinen Grund.»

Bei einer derartigen Dichte an relevanten Themen ist es dem Berliner «Tatort» zu verzeihen, dass er an manchen Stellen ein bisschen zu viel wollte: So schien der Fingerzeig auf die problematische Rolle der Boulevardpresse in Bezug auf Fälle wie diesen gar forciert, und dass ein übereifriger Informant aus Kommissariatskreisen die Journalisten mit Insiderinfos versorgte, schlicht unnötig. Wobei, Moment: Der «Maulwurf» wurde von Ritter persönlich entlarvt, es war der ambitionierte junge Kollege, der zunächst musterschülermässig auf Zack und den Hauptkommissaren immer eine Nasenlänge voraus war. Doch Ritter und Stark brauchen schliesslich keinen eifrigen Nachwuchs. Das überlassen sie lieber der Zürcher Kantonspolizei.

Erstellt: 08.09.2013, 21:45 Uhr

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