TV-Kritik

TV-Kritik: Die Schweiz hat ihren Rocky

Der Sonntagabendfilm «Dinu» bodigte locker alle bisherigen Schwinger-Streifen und gehört zum Besten, was SRF in den letzten Jahren gezeigt hat.

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Die Erleichterung war gross nach den ersten zehn Minuten. Endlich ein hiesiger Sonntagabend-Film, der die Dialekte nicht sinnlos durcheinanderwirbelte und dessen Dialoge nicht klangen wie improvisiert vom Hochdeutsch ins Schweizerdeutsch übertragen. Doch die milde Freude währte nicht lange – denn es wurde noch besser.

«Dinu» von Regisseur Simon Aeby, bekannt geworden durch seine Verfilmung von Gottfried Kellers «Das Fähnlein der sieben Aufrechten», ist die helvetische Variation des Box-Epos «Rocky» und erwies sich verblüffenderweise als fast genauso spannend, aus verschiedenen Gründen: Allen voran war da Jonathan Loosli, der den Simmentaler Schwinger und Kleinbauernsohn Dinu verkörperte, und das nicht zuletzt dank eines monatelangen Schwing-Trainings sehr überzeugend.

Herrlich prolliger Intimfeind

Looslis Spiel war eine Wucht und trug die Geschichte vom jungen Dinu Hediger, der den verschuldeten Hof seines Vaters retten will und der zugleich vom grossen Sport träumt, der dann tatsächlich ans Eidgenössische und dort sogar in den Schlussgang kommt, diesen verliert und der dennoch glücklich wird, weil er in der zugezogenen deutschen Tierärztin Laura (Hannah Binder) seine Liebe findet.

Der Berner Loosli, bisher vor allem auf Theaterbühnen aktiv, war der beste eines tollen Ensembles. Ebenfalls gelungen war die Darstellung von Dinus Vater (gespielt von Peter Freiburghaus, populär als männliche Hälfte des «Duo Fischbach»), eine knorrige und verknorzte Figur, die aber auch ihre liebevollen Facetten hatte und sich letztlich als weit schlauer als vermutet herausstellte. Nicht minder treffend war die Darbietung von Hanspeter Müller-Drossaart, der den Dorfkrösus König mimte.

Eine herrlich anzuschauende Figur war zumal auch dessen Sohn Karl König (Simon Käser), Dinus Intimfeind mit prolligem Haifisch-Grinsen und blöden Sprüchen: «Das Leben ist ein Schachspiel, und die entscheidende Figur ist der König».

«Etwas Stadtluft täte gut»

Das wichtigste Leitmotiv des Films war der Wolf, der ums Weidgebiet von Dinus Hof streifte. Er verband Dinu und Laura, beide auf ihre Art einsame Wölfe, und symbolisierte zugleich die Jagdlust, aber auch die Sensibilität der Hauptfigur.

An ihm zeigte sich, was für ein Kunststück Aeby mit «Dinu» fertiggebracht hat, nämlich einen Film zu realisieren, der die Eigenarten eines Heimatfilms – Lokalkolorit, Erdung, die Natur als omnipräsente, den Menschen beherrschende Instanz – aufweist und der andererseits nicht der Heimattümelei und dem dumpfen Kollektivismus verfällt. Dinu wurde gerade auch durch seine instiktive Verbundenheit zum Wolf als Individuum erkennbar, war aber als Schwinger und Bauer nichtsdestotrotz ein vollwertiges Mitglied einer ländlichen Gesellschaft, die ihrerseits von Widersprüchen geprägt war (so widersetzte sich beispielsweise der bedächtige Wildhüter den Abschussforderungen hitziger Dörfler). Es gab durchaus idyllische Momente, beispielsweise wenn sich Dinus Vater nach getaner Arbeit auf ein Bänkchen fallen liess und glücklich wie sonst nie ins Tal blickte. Idealisierung dagegen gab es kaum, und wenn die zugezogene Laura ins Schwärmen geriet, antwortete Dinu, der es ja wissen musste, prompt: «Etwas Stadtluft täte uns gut hier oben.»

Es gibt nur wenig zu bemängeln

Zugrunde lag dieser nuancierten Milieu-Darstellung die bewährte simple Dramaturgie des Sportfilms, die Anleihen bei Sylvester Stallones «Rocky» waren dabei offensichtlich: ein Talent wird entdeckt, durch ein privates Ereignis motiviert, die hoffnungsvolle Karriere danach scheinbar entscheidend geknickt, hartes Schinden bringt den Helden wieder heran, schliesslich die ehrenvolle Niederlage, die Umarmung der Geliebten und die Aussicht auf eine schönere Zukunft. Aeby erbrachte den Beweis, dass sich das Schwingen für solche kämpferischen Storys eignet und sich seine Duelle packend inszenieren lassen. Mit «Dinu» hat er alle bisherigen Schwinger-Filme locker gebodigt und die Messlatte für alle künftigen sehr hoch gelegt.

Und so gibt es nur wenig zu bemängeln: Nicht wirklich glaubhaft wirkte etwa die Rettung des Hofs durch die Naturschützer zu Ende des Films, eine Art erzähltechnischer Houdini-Trick. Und etwas gar lieblich gezeichnet war die Figur der Tierärztin Laura, allzu pathetisch vielleicht auch der Schluss, als eben diese Laura übers Schwing-Areal auf Dinu zustürmte. Aber das sind Petitessen. Am Schluss blieb die Erkenntnis: Jetzt hat also auch die Schweiz ihren Rocky. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 25.08.2013, 21:57 Uhr

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