TV-Kritik

TV-Kritik: Die durchgedrehte Knalltüte

Der «Tatort» aus Saarbrücken hat einen neuen Kommissar. Und was für einen.

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Ein Mann steht im Baumarkt, Abteilung Farben und Putz. Er trägt Shorts und Gummistiefel, aus seinen Kopfhörern dröhnt Reggae. Optisch ist er eine Mischung aus Hape Kerkeling und Roeland Wiesnekker, Typ Teddybär.

Zehn Minuten später schlägt er in einem Billighotel drei bärtige arabische Männer k. o. und rennt mit einem kleinen Mädchen, das im Hotelzimmer gefangen war, in den Wald. Verfolgt von den schiesswütigen Kerlen, rettet er sich auf einen Waldspielplatz. Er versteckt sich, wird aufgestöbert, verliert Mädchen und Gummistiefel, flieht in Socken und bricht auf einer Lichtung zusammen. Als ihn eine Polizistin findet, richtet er sich auf und sagt: «Guten Tag, ich bin der Neue.»

Atemübungen

Der Neue, das ist Kommissar Jens Stellbrink, der nach dem Abgang von Kappl und Deininger neuerdings in Saarbrücken ermittelt. Gespielt wir er von Devid Striesow, einem der fähigsten deutschen Theater- und Filmschauspieler. In «Die Fälscher» war er zum Beispiel zu sehen und wurde mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnet. Die Produktion erhielt 2008 den Oscar als bester fremdsprachiger Film.

Die Polizistin im Wald heisst Lisa Marx und ist ebenfalls neu im Amt. Elisabeth Brück spielt sie mit auffallend roten Haaren und dunkler Aufmachung, ganz offenbar soll sie ein Gegenpol zu Jens Stellbrink sein. Es ist eine Figurenkonstellation, die die Sachlichkeit des Vorgängerpaares mit Humor ersetzen will. Wobei diese Aufgabe vor allem Stellbrink zukommt, der nicht nur äusserlich kauzig auftritt. Denkt er über einen Fall nach, geht er «in seinem Unterbewusstsein nachschauen» oder macht Atemübungen. Manchmal starrt er ins Leere, um dann plötzlich mit einer Idee herauszuplatzen. Dazwischen stolpert er durch das Geschehen, sensibel und getrieben, seine Anstrengungen von Vergeblichkeit verdunkelt.

Denn der Fall, den es zu lösen galt, war ein grimmiger und entglitt Stellbrink immer wieder aufs Neue. Zwar konnte er das Mädchen, das ihm deutlich ans Herz gewachsen war, aufstöbern, doch wie sich herausstellte, war es die Tochter eines nordafrikanischen Spitzendiplomaten. Also musste er sie gehen lassen, obwohl sie offensichtlich Angst vor ihrem eigenen Vater hatte. Kurzerhand entführte Stellbrink, inzwischen mit einem lächerlich grossen Orden auf dem Schlabber-T-Shirt, das Mädchen bei einem Rotlicht aus der Diplomatenkarosse.

Groteske Figuren

Spätestens da war klar, dass der neue «Tatort» aus Saarbrücken nicht die Darstellung pseudorealistischer Polizeiarbeit zum Ziel hat. Die gestrige Folge jedenfalls war eine Übung in absurder Komik, zumal auch andere groteske Figuren vorkamen, etwa ein altes Ehepaar in einer Villa, bei dem Stellbrink Unterschlupf vor seinen Verfolgern suchte. Die Frau half ihm, doch der Mann verpetzte ihn – worauf die Alte die Scheidung verkündete.

Albernheit und Thrillerelemente, aber auch ergreifende Momente, wechselten sich also ab, wobei der Fall (die Diplomaten missbrauchten Kinder als Drogenkuriere) irgendwann nicht mehr interessierte, weil man sich nur noch fragte, was die «durchgedrehte Knalltüte» (so die entnervte Staatsanwältin über ihren neuen Kommissar) als Nächstes bietet. Und die Knalltüte enttäuschte nicht, zu guter Letzt schluckte Stellbrink abgepackte Drogen. Als er diese abführen musste, rief er: «So ne Scheisse!» Wenig später fuchtelte er mit einer Knarre und in Thaihosen auf französischem Boden herum.

Ja, so läuft das beim Neuen. Soll man das übertrieben finden? Bemüht komisch? Kann man sicher. Wir finden: Einem derart schrägen Vogel, gespielt von einem derart tollen Schauspieler, sieht man gerne zu. Man darf also auf den nächsten Fall gespannt sein. Dann ist Stellbrink offiziell im Amt – diesmal wollte er ja bloss Farbe kaufen.

Erstellt: 27.01.2013, 21:45 Uhr

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