TV-Kritik: Die grausliche Wahrheit

Der Wiener «Tatort» lieferte eine Mischung aus Politthriller, Verschwörungstheorie und klassischem Krimi. Das war packend, aber nicht immer ganz glaubwürdig.

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Wien ist nicht nur eine geschichts- und kulturträchtige Metropole, sondern beherbergt als dritte UNO-Stadt zahlreiche internationale Organisationen, wie der neue Wiener «Tatort» wieder mal in Erinnerung rief. Die Ermittler, Oberstleutnant Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Major Bibi Fellner (Adele Neuhauser) vom Bundeskriminalamt, kümmerten sich um die Aufklärung eines Attentates bei einer UNO-Konferenz vor dem Palais Liechtenstein, bei dem ein Polizist und der vermeintliche Täter ums Leben kamen.

Interne und externe Kämpfe

War es ein Selbstmordanschlag von extremen Islamisten? Ein durchgedrehter Einzeltäter? Oder doch etwas ganz anderes? Ziemlich schnell stellte sich heraus: Es war das Komplott einer rechtsradikalen Gruppierung, der Burschenschaft «Semper Veritas», die die Angst vor Islam und Terrorismus schüren und so ein neues Sicherheitsgesetz durchboxen wollte.

Das Wiener «Tatort»-Duo arbeitete dabei nicht alleine, sondern wurde einer Taskforce des Bundesamtes für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung unterstellt. Dessen Leiter, Magister Fred Michalski, Mitglied der «Semper Veritas» und Aspirant auf den Posten des Innenministers, und seine Untergebene, die eisige Major Warig, behinderten die Arbeit der Kollegen mehr, als dass sie unterstützten. Und als Eisner und Fellner den Fall dank ihrer Hartnäckigkeit und ihren kriminalistischen Fähigkeiten lösten, holte Michalski die Täter mit einem fadenscheinigen Vorwand wieder raus.

Die Sache mit den Hintermännern

Der Titel «Zwischen den Fronten» war treffend gewählt – standen die Ermittler des BKA doch wirklich zwischen allen Fronten: Nationale und internationale Politik, Verfassungsschutz und Militär, linke und rechte Gruppierungen. Dazu kamen persönliche Konflikte und Eifersuchtsdramen zwischen allen möglichen Beteiligten. Eisner und Fellner wurden dazwischen aufgerieben. Dass die Polizei die Täter fasst, diese aber von den Hintermännern wieder herausgeholt würden, war schnell absehbar.

Dieses Element wird im «Tatort» – wie auch in anderen Krimiserien – immer öfters eingesetzt: Die wahren Täter halten sich im Hintergrund und machen sich die Hände nicht schmutzig. Dafür haben sie ihre Handlanger. Diese werden von den Hintermännern ganz einfach fallengelassen, wenn ihnen die Polizei auf die Schliche kommt; oder, wenn man soviel Macht hat wie die «Semper Veritas» in Wien, holt man die Mitarbeiter einfach wieder aus dem Gefängnis heraus.

In der Doppelfolge des Hannoveraner «Tatort» mit den ermordeten osteuropäischen Prostituierten war die halbe Elite der Stadt in die Geschichte verwickelt. Im Leipziger Fall «Todesschütze» ermittelten die Kommissare gegen einen feindlich gesinnten Polizeiapparat. Indem man die Ermittler so machtlos zeigt und die Fälle ohne Gerechtigkeit enden lässt, ruft man Zorn und Empörung beim Zuschauer hervor. Er überträgt die Machtlosigkeit auf sich und denkt: Es ist etwas falsch mit dem System. So wird man emotional noch viel stärker hineingezogen. Wenn die Polizei im «Tatort» nichts ausrichten kann, zu was ist sie dann in der Realität überhaupt noch fähig?

Occupy vs. Austrofaschismus

Die Gefahr, sich in unrealistischen Verschwörungstheorien zu verstricken, ist bei solchen Szenarien gross – und hier war etwas gar viel davon beigemischt, die austrofaschistische Verbindung «Semper Veritas» arg überzeichnet. Der pensionierte Hofrat Kelter, der die Fäden zog, der Oberst aus dem Abwehramt, ihre prolligen Handlanger, alles Ex-Soldaten – sie wollten ja nur das Beste für ihr Land und schreckten dabei vor nichts zurück. «Pfui, das ist grauslich», konnte man Bibi Fellner da nur beipflichten.

Dagegen erschien die Internet-Gruppierung «Comet» – irgendwo zwischen Occupy, Anonymous und Piratenpartei verortet – als Vertreter von Demokratie und Transparenz. Die Verschwörer wollte einen Vertreter dieser Gruppe als Täter darstellen und so die Politik beeinflussen, was ihnen ein Stück weit gelang. Doch die wahren Bösen, für den Zuschauer klar ersichtlich, waren die Hintermänner, die intriganten Hinterzimmer-Politiker alten Schlages. Trotz den Dan-Brown-Elementen und dem etwas einfachen Weltbild war «Zwischen den Fronten» ein spannender und packender «Tatort».

Erstellt: 17.02.2013, 21:44 Uhr

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