TV-Kritik: Die herbeigeredete Armut

Das Schweizer Fernsehen porträtierte gestern vier Familien, bei denen das Konto am Ende des Monats auf Null steht. Doch sind sie deshalb auch arm?

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Jedes Jahr publiziert die Caritas die Schweizer Armutsstudie und liefert den Zeitungen beeindruckende Schlagzeilen. «400'000 Schweizern gehts dreckig», titelte zum Beispiel der« Tages-Anzeiger» im Dezember 2009. Doch was Armut ist, ist eine Frage der Definition. Legt man die Armutsgrenze beim Einkommen nur 200 Franken höher oder tiefer, verändert sich die Anzahl Arme beträchtlich. Dennoch entfaltet die von der Caritas künstlich festgelegte Zahl ihre Wirkung. Für den Filmemacher Pino Aschwanden war sie gar Anlass für den Dokumentarfilm «Leben zum halben Preis».

Aschwanden wollte jene Armut, die die Statistik mit so eindrücklichen Zahlen zu beweisen vorgibt, mit der Kamera einfangen – auch wenn er das Wort «arm» tunlichst vermeidet. Ein Ansatz, der nur scheitern kann. Denn Armut in einem reichen Sozialstaat wie der Schweiz ist relativ – und kaum sichtbar. «Es sind keine Elendsgeschichten», warnt die Off-Stimme bereits zu Anfang. Der Filmemacher muss unentwegt mit Suggestivfragen die Armut herbeireden: Wann haben Sie sich zuletzt einen Sonnenuntergang am Meer geleistet? Habt ihr alle Sachen, die ihr euch wünscht? Wie wird man behandelt, als Sozialfall?

Kein Wunder fühlt man sich arm, werden einem solche Fragen gestellt.

Film macht auf Mitleid, anstatt Respekt zu zeigen

Zum Teil kommen auch Härten im Familienalltag zur Sprache, die nichts mit dem knappen Budget zu tun haben. Zum Beispiel, dass Eltern von acht Kindern nebst der Familie kaum Zeit für ausserfamiliäres Vergnügen und Sozialkontakte bleibt. Und wenn in einer Familie keine Ausflüge gemacht werden und die Kinder stattdessen Videogames spielen und vor den Fernsehern in den Kinderzimmern sitzen, so hat auch das nur zweitrangig mit dem Geld zu tun, selbst wenn der Filmemacher etwas anderes suggeriert.

Dem Zuschauer steht es nicht zu, über die porträtierten Familien zu urteilen. Den Anspruch des Films, hier würden Menschen gezeigt, denen es mies gehe, bringt einen in die unangenehme Situation, es trotzdem zu tun. Ständig sieht man in den Wohnungen Dinge, von denen man denkt, die hätten sich diese Leute auch sparen können: Fernseher in den Kinderzimmern, Videokonsolen oder was auch immer. Dies hätte der Filmemacher einfach verhindern können: Indem er die Menschen nicht als Opfer präsentierte, sondern in einem positiven Ansatz aufgezeigt hätte, wie gut und mit wie viel Einfallsreichtum es die meisten Familien trotz den Widrigkeiten schaffen, ein würdiges und reiches Familienleben hinzukriegen. Respekt statt Mitleid, das ist, was diese Familien verdienen.

Eine Beleidigung?

Bei zwei der vier im Dokfilm auftretenden Familien ist eine Scheidung die Ursache für die Geldknappheit, bei einer die grosse Anzahl Kinder, bei der letzten ist die Frau aus gesundheitlichen Gründen nur noch beschränkt arbeitsfähig. Die Scheidungsfälle sind typisch: Der Mann geht, plötzlich müssen zwei Wohnungen bezahlt werden, das ohnehin nicht üppige Geld reicht nicht mehr. Bei allen vier Fällen handelt es sich um Schweizer Familien, die mit einer Ausnahme keine Sozialhilfe beziehen und die sich selbst auch nicht als arm bezeichnen. Das machen die Caritas und das Schweizer Fernsehen für sie. Empfinden sie dies als Beleidigung?

Eine Frage, die in diesem Film leider nicht gestellt wurde. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 17.09.2010, 09:54 Uhr

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