TV-Kritik

TV-Kritik: «Du musst dich wehren, Mama»

Im ersten Teil der Doppelfolge des «Tatort» aus Hannover legte sich Kommissarin Lindholm nicht nur mit einer Rockerbande, sondern auch mit der feinen Gesellschaft an. Das ging unter die Haut.

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«Du musst dich wehren, Mama», sagte der kleine Sohn von Kommissarin Charlotte Lindholm, als sie beim Fussballspielen unkonzentriert war und den Ball einfach so ins improvisierte Tor gleiten liess. Im Beruf hingegen ist sie stets voll da und kämpft im Landeskriminalamt Niedersachsen gegen Menschenhandel, Zwangsprostitution und eine frauenverachtende Parallelgesellschaft.

Noble Herren aus dem Reichenviertel der Landeshauptstadt Hannover machten mit einer Rockerbande, die das Rotlichtmilieu beherrscht, gemeinsame Sache. Die Lederjackenträger lieferten den perversen Sadisten für Sexpartys frisches Blut in ihre Villen, besonders begehrt: minderjährige Jungfrauen. Waren sie durch mit ihren Misshandlungen, warfen sie die benutzten «Wegwerfmädchen» auf die Müllkippe.

Einzelkämpferin gegen Menschenhandel

Eine davon überlebte jedoch und kämpfte sich frei – die Szene gleicht einer Wiederauferstehung. Ihre Cousine aus dem gleichen Dorf in Weissrussland jedoch landete auf dem Seziertisch des Gerichtsmediziners. Als er der Kommissarin die Ergebnisse seiner Untersuchung mitteilte, ging das beiden ziemlich nahe, und – trotz unpassender kitschiger Musik – auch dem Zuschauer, umso mehr, als er um den realen Hintergrund der Geschichte weiss, um die nicht gelösten Probleme von Menschenhandel und Zwangsprostitution.

Die Idee zu einem «Tatort» über dieses Thema kam von der sozial engagierten Hauptdarstellerin Maria Furtwängler, die im Interview mit dem produzierenden Sender NDR sagt, die Folge habe ihr einiges abverlangt, und sie wolle beim nächsten «Tatort» eher in eine humoristische Richtung gehen. Es ist ja schon anstrengend genug, dass sie ihren «Tatort» alleine tragen muss und keinen richtigen Partner hat – weder im Büro noch im Bett.

So spielte sie die Einzelkämpferin Charlotte Lindholm überzeugend, stöckelte auf hohen Absätzen durch die Gegend, hatte aber die Hand immer schnell an der Pistole und wechselte die Reifen auch ohne Umstände selber. Ihre Betroffenheit über die frauenverachtende Arroganz und Brutalität wirkte glaubwürdig, und auch der Schweizer Zuschauer fragte sich vielleicht, wie die osteuropäischen Frauen an hiesigen Strassenstrichen und Bordellen behandelt werden.

Ermittlungen noch nicht abgeschlossen

Es ist erst der zweite «Tatort», der zweiteilig ausgestrahlt wird – was dem Konzept eigentlich widerspricht, das eine abgeschlossene Geschichte pro Folge vorsieht. Doch bereits zu Ostern gab es eine Doppelfolge, in der Kölner und Leipziger Kommissare zusammenspannten. Christoph Granderath, verantwortlicher Produzent beim Norddeutschen Rundfunk, betont aber, dass man die zwei Folgen des neuen «Tatort» aus Hannover auch unabhängig voneinander schauen könne.

Der Mörder wurde zwar bereits am Ende der ersten Folge gefasst, und es war sogar der richtige, der aber von den wahren Hintermännern ans Messer geliefert wurde und willig mitmachte. Kommissarin Lindholm war das nicht genug. Sie wollte endlich den Milieu-König Koschnik drankriegen und seine reichen Kunden gleich mit.

Der Schlüssel für die zweite Folge mit dem Titel «Das goldene Band» dürfte in Lindholms Liebhaber Jan Liebermann liegen, der als Biograf eines Immobilienhais von einer anderen Seite in die Geschichte involviert ist. Auch der Selbstmord des Staatsanwalts von Braun und sein Abschiedsbrief könnten Hinweise enthalten. Und die verschwundene Kronzeugin wird bestimmt wieder auftauchen. Dass jemand aus der besseren Gesellschaft dran glauben muss, scheint gewiss; die spannende Frage für den kommenden Sonntag bleibt, wie Kommissarin Lindholm das schafft und wie viele sie erwischt.

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Erstellt: 09.12.2012, 21:45 Uhr

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