TV-Kritik

TV-Kritik: Einblick in einen Scheissberuf

Der «Tatort» aus München präsentierte am Ostermontag ein komplexes Kammerspiel im Polizeirevier. Die Kommissare Batic und Leitmayr kamen zusammen mit einem alten Bekannten an ihre Grenzen.

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Macht und Ohnmacht liegen manchmal nahe beieinander im Beruf eines Polizisten: Erst fasst man die Täter und schlägt ihnen noch so richtig in die Fresse, um es auch auszukosten. Dann heisst es, man habe zu wenig Beweise und würde sie wieder laufen lassen. Dann taucht ein alter Freund und ehemaliger Mitarbeiter auf, ein Kollege erschiesst sich in der Garderobe – der Münchner «Tatort» wartete gleich zu Beginn mit einem Gefühlskarussell auf.

«Es ist ein beschissener Beruf», sagte der für eine Folge zurückgekehrte Aussteiger, der sich nach Thailand abgesetzt hatte. Carlo Menzinger, 16 Jahre lang Assistent von Batic und Leitmayr, seit seinem Abschied 2007 ohne dauerhaften Ersatz, wollte einen alten Freund besuchen, den Revierpolizisten Matteo Lechner, der die eigentliche Hauptfigur der Sendung war: als Polizist mit Leib und Seele, der seine Kompetenzen massiv überschritt und so zum Mittäter wurde – und dann zum Opfer. Er war kurz nach der Hälfte der dritte Tote.

Der Polizist im Zentrum

Im Zentrum standen aber nicht die Ermittlungen von Batic und Leitmayr, die erst nach einer Viertelstunde überhaupt auftauchten, sondern die Umstände und Widrigkeiten der Polizeiarbeit. «Ich bin Polizist, wir gehen da raus und retten die Welt» – mit dieser Einstellung fangen wie Lechner wohl viele an. Aus Macht kann aber schnell Ohnmacht werden. Auch in der Schweiz wird das Justizsystem gerne angeprangert, von Kuscheljustiz gesprochen, welche die Täter schont und die Opfer allein lässt. «Vor unseren Augen passiert diese Scheisse, und wir können nichts dagegen tun», meinte Lechner einmal.

Das verleitete seine Truppe dazu, teils massive Gewalt einzusetzen und Verdächtige bei Festnahmen und Vernehmungen zu verprügeln. Als ein Video von ihren Exzessen auftauchte, ging der Polizist Georg Zimmermann aus seinem Team noch weiter und tötete erst denjenigen, den er als Erpresser vermutete, und dann sogar seinen Chef, weil er bei diesem Anzeichen von Schwäche entdeckte.

Die Kommissare Batic und Leitmayr kamen als Aussenstehende in dieses Revier, mit ihrem ehemaligen Kollegen Menzinger als verbindendes Glied. Dass interne Untersuchungen für alle belastend sind und die Ermittelnden sofort als Verräter gelten, konnte man schon in vielen Krimis sehen. Und auch sie kamen an ihre Grenzen.

Jenseits von Dienstvorschriften

Batic sagte einmal, manchmal wünsche er sich das auch: die Täter einfach zu bestrafen und nicht mühsam Beweise zusammenzutragen. In diesem Fall kamen sie lange überhaupt nicht vorwärts. Das schlug den sonst immer zu Sprüchen aufgelegten Ermittlern aufs Gemüt, die sich ungewohnt ernst gaben. Beide bekannten sich dazu, ihren Beruf gerne auszuüben und sich stets an das Recht zu halten, doch dann drückten sie auch mal ein Auge zu.

Mit einer manchmal etwas verwirrenden Handlung und viel nackter Haut – für einmal vor allem Männer unter der Dusche – wurde ein Kammerspiel im Polizeirevier gezeigt. Über die Realitätstreue kann man als Aussenstehender nur mutmassen. Man hofft, dass es nicht so schlimm ist wie hier dargestellt: dass einerseits die Polizei nicht so hilflos dasteht und dass andererseits kein Polizist auf die Idee kommt, das Recht in die eigene Hand zu nehmen. Doch solange man nicht ein Superhirn namens Dexter ist, wird man als Polizist auch jenseits von Dienstvorschriften mehr Ohnmacht als Macht erfahren.

Verständlich, dass Carlo Menzinger da wieder nach Thailand in sein Bioresort zurückkehrte. Da bleibt er wohl auch – zumindest ist laut Darsteller Michael Fitz keine weitere Folge geplant.

Erstellt: 01.04.2013, 21:59 Uhr

«Tatort»-Kritik

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