TV-Kritik

TV-Kritik: Entspannt ist anders

Von der «Club»-Chefin zur Nachrichtenmoderatorin: Für Christine Maier sollte es beruflich eigentlich ruhiger werden. Bei ihrem Einstand als «10 vor 10»-Sprecherin sah das jedoch anders aus.

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«Bei den ersten Auftritten wirkte ich wie das Kaninchen vor der Schlange», sagte Christine Maier einst in der «Glückspost» und meinte damit ihre Anfänge beim Schweizer Fernsehen, als sie noch Programmansagerin war. Wenn sie heute, 24 Jahre später, ihre gestrige Premiere als offizielle Nachrichtensprecherin bei «10 vor 10» beurteilen müsste, würde sie vielleicht dasselbe sagen. Denn entspannt ist anders.

Lässiges Börsenzahlen-Erzählen

Aber es war ja auch fies, denn beim Schwerpunktthema «Starker Franken» kamen die Börsenzahlen früher, als jedem Nachrichtensprecher lieb sein kann. Höchste Schwierigkeitsstufe: Man merkte, wie sehr sich Maier anstrengte, sich nicht zu verhaspeln. Als das vermeintlich Schlimmste fast ohne Stockungen vorüber war, schnappte die Schlange schliesslich beim Euro zu, gemäss Maier «im Würgegriff des Schweizer Frankens». Vielleicht aus Übermut, die Knacknuss Börsenzahlen mehr oder weniger souverän gemeistert zu haben, rundete Maier den Euro grosszügig auf «rund einen Franken» ab und unterschlug dabei acht Rappen.

«Jetzt habe ich die Sache aus lauter Lampenfieber noch schwärzer gemalt, als sie ist», entschuldigte sie sich nach dem nächsten Einspieler. Sympathisch, wie sie ihre deutlich sichtbare Nervosität zu thematisieren versuchte. Leider konnte sich «Kaninchen» Maier noch ein Weilchen nicht entspannen, sie blieb kurzatmig und schaute äusserst konzentriert in den Teleprompter. Den meisterte die Tochter deutscher Eltern jedoch genauso souverän wie das Hochdeutsch, das geschliffen und ohne Accent fédéral über ihre Lippen kam.

Die perfekte Sprecherin

Von der «Club»-Chefin zur «10 vor 10»-Sprecherin. Man hätte meinen können, für Christine Maier sei der neue Job ein Klacks (und fast ein wenig ein Schritt zurück zu den Anfängen als Fernsehansagerin, als sie trotz imposanter Frisur zum damaligen Schätzchen der Nation wurde). Von aussen betrachtet, scheint es um einiges schwieriger zu sein, während fast neunzig Minuten eine Diskussionsrunde zu führen als während 25 Minuten Nachrichten anzusagen und zwischendurch ein Interview zu führen.

Doch der Job als Nachrichtensprecherin scheint kein leichter zu sein, selbst für einen langjährigen Profi wie Maier. Optisch passt sie perfekt in die Rolle, keine Frage: Überdurchschnittlich gut aussehend und perfekt gestylt, damit man nicht nur wegen des «Meteo» so lange aufbleibt. Aber bloss nicht zu sexy, damit man nicht allzu sehr abgelenkt ist (Maiers enger Hosenanzug schaffte dies, aber nur haarscharf). Seriös, damit man ihr auch den politischen Teil der Sendung abnimmt, und ein bisschen steif, denn Nachrichten sind ja schliesslich keine SF-Montagabendshow. Bloss der Charme blieb bei der Nervosität etwas auf der Strecke.

Erst beim Bericht über Mubarak entspannte sich Christine Maier ein wenig, und als sie bei Steven Spielberg und dem Filmfestival Locarno angelangt war, zeigten die Mundwinkel erstmals nicht mehr nach unten - obwohl sie den US-Regisseur J.J. Abrams als «Adams» vorstellte. Richtig gelöst wirkte sie, als sie auf die nachfolgende Sendung, ihren «Club» verweisen konnte, den sie immer noch leitet. Da war es endlich, das Lächeln. Wenn Maier dort anknüpfen kann, hat SF eine würdige neue «10 vor 10»-Sprecherin gefunden. Beim Abspann sah die 46-Jährige dann wieder ein wenig verloren aus hinter dem riesigen «10 vor 10»-Pult und ohne ihre sechs «Club»-Gäste. Während die meisten Nachrichtensprecher in dieser Situation an Notizen oder Kugelschreiber herumnesteln, verschränkte Maier einfach ihre Arme vor der Brust, bis die 25 Sekunden ausgestanden waren und die Schlange genug hatte.

Erstellt: 03.08.2011, 09:26 Uhr

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