TV-Kritik

TV-Kritik: Facebook ist an allem schuld

«DOK» zeigte gestern eine aufgeregte Aneinanderreihung von Social-Media-Gefahren. Es wurde einiges an Dummheit geboten.

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«Wenn man sieht, was gewisse Leute tun, fragt man sich: Spinnt ihr eigentlich?» – Treffender als der Journalist Clive Thompson hätte man den «DOK»-Film «Facebook-Sünden: Vom Umgang mit Social Media» nicht zusammenfassen können, der gestern Mittwoch auf SF gezeigt wurde. Er war eine von zwei Hauptpersonen in der Doku, die statt des Facebook-Daumens den Facebook-Mahnfinger in die Höhe streckten.

Hochwertig produziertes Zeugnis von Dummheit

Tatsächlich wurde einiges geboten an Dummheit: Es war eine fast dreiviertelstündige Aneinanderreihung von kleineren und grösseren Fauxpas, die Menschen täglich begehen und dokumentieren. Weil sie dies via Facebook oder Twitter tun, weiss eine mehr oder weniger grosse Anzahl von «Freunden» davon.

Wie hochwertig produzierte, bunte Musikclips wurden die kurzen Geschichten nacheinander erzählt: Von der 16-Jährigen, die ihre Geburtstagseinladung versehentlich an die gesamte Facebook-Gemeinde schickte und daraufhin Hunderte «Gäste» ihr Haus belagerten. Vom Räuber, der ein Notebook klaute und gleich als Erstes ein Foto samt Diebesbeute auf Facebook postete. Oder von der Frau, die wegen Depressionen Versicherungsleistungen bezog, weil sie nicht arbeiten konnte. Dann stellte sie fröhliche Fotos auf Facebook, was die Versicherung gar nicht lustig fand. Die Folge: Leistungen gestrichen, Hypothek gekündigt, Haus weg. Der Fall kommt nun vor Gericht.

Facebook als Ehe-Killer

Der Autor Geoff d'Eon betrieb einen grossen Aufwand für seine Doku, holte viele Betroffene persönlich vor die Kamera und liess einige Szenen zur Veranschaulichung nachspielen. Zwischendurch durften die beiden Kritiker, der Journalist Thompson und der Sicherheitsexperte Graham Cluley das böse Facebook beschwören. «Der Weltumschlagplatz für Cyber-Kriminalität ist Facebook», sagte Cluley zum Beispiel. Oder: «Wenn Daten erst einmal im Internet sind, dann sind sie ewig da draussen und jeder kann sie stehlen.»

Und Thompson bemerkte: «Das Problem von uns Menschenkindern ist, dass wir oft nicht einschätzen können, ob etwas dumm ist oder nicht.» Und ergänzte: «Über Facebook wächst kein Gras.» Ein frisch Geschiedener klagte: Facebook habe seiner Ehe viel früher ein Ende gesetzt, als sie normalerweise geendet hätte. Angeblich ist Social Media die Ursache für jedes fünfte Eheproblem.

Unverhältnismässig?

Einige der Unachtsamkeiten hatten tatsächlich schwerwiegende Folgen. Ein britischer Gardist verlor seinen Job, weil er Prinzessin Kate als «eingebildete Kuh» und «aufgedonnerte Schlampe» bezeichnete. Ein anderer Brite wurde verurteilt, weil er auf Twitter spasseshalber einem Flughafen drohte. Und der amerikanische US-Abgeordnete Anthony Weiner musste zurücktreten, weil er ein Foto seiner Unterhose mit erigiertem Inhalt twitterte.

Der Schwarze Peter wurde hin- und hergeschoben zwischen dem bösen Social Media und den dummen Usern, um am Ende doch bei Facebook zu landen. Die zwei, drei positiven Geschichten wurden nur am Rande erzählt. Doch trägt Facebook tatsächlich die Hauptschuld? Ja, lautet die Botschaft. Klar, wenn bedeutungslose Jugendsünden Jahre später ins Gewicht fallen, ist dies ärgerlich und unverhältnismässig. Die Doku blendete jedoch etwa beim US-Politiker Anthony Weiner aus, dass er zurücktreten musste, weil er mehrere Frauen im Web belästigt hatte und nicht einfach bloss, weil er ein Foto seiner Unterhose getwittert hatte. Die Misere ist nicht wegen Social Media geschehen, sondern davor. Facebook oder Twitter führten bloss dazu, dass Weiner und die anderen aufflogen. Shakespeare würde bei dieser Gelegenheit wohl sagen: «Don't shoot the messenger.»

Erstellt: 15.03.2012, 10:22 Uhr

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