TV-Kritik

TV-Kritik: Fialas Verständnis für Putin

Zwar war die Faktenlage bekannt, aber der «Club» über Greenpeace entpuppte sich als dennoch spannend.

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Eigentlich wollte man im «Club» über «unsichtbare» Frauen über 50 reden. Doch es kam die Aktualität dazwischen: nicht Lampedusa, sondern Greenpeace. Die Umweltorganisation hatte kürzlich während eines Championsleague-Spiels im Basler Fussballstadion ein Protestplakat gegen den russischen Ölkonzern Gazprom präsentiert. Fast zur gleichen Zeit wurde in Russland eine Greenpeace-Protestaktion gegen eine Ölplattform als Piraterie bezeichnet, den Teilnehmern drohen langjährige Gefängnisstrafen.

Die Gesprächsrunde konzentrierte sich auf die russische Aktion. Laut Moderatorin Karin Frei habe man einen Vertreter der russischen Botschaft eingeladen, aber die Russen blieben dem «Club» mit der Begründung fern, «die Einladung sei zu kurzfristig» erfolgt. Also spielte man eine Aufnahme von Putin ein: Greenpeace habe internationales Recht gebrochen und man habe nicht wissen können, ob es sich bei der Aktion nicht um einen Terrorangriff handle.

«Aktion, die Konsequenzen haben könnte»

Christian Engeli, Kampagnenleiter Greenpeace, widersprach: Es habe keine Rechtsgrundlage für die Verhaftungen gegeben, man sei unter niederländischer Flagge in internationalen Gewässern geblieben und habe bloss ein Plakat an der Ölplattform anbringen wollen. Stefan Trechsel, ehemaliger Strafrechtler an der Universität Zürich konkretisierte, dass zwar das Greenpeace-Schiff in internationalen Gewässern war, aber die Schlauchboote «wie Tentakel» zur Plattform ausströmten: «Es wurde Recht gebrochen.»

So weit die rechtlichen Querelen. Interessanter ist aber die Frage, wie weit Greenpeace geht, um auf seine Anliegen aufmerksam zu machen. Christian Engeli: «Wir bringen niemals jemanden in Gefahr und hinterlassen keine Schäden.» Nun kommen bisweilen aber auch die (meistens jungen) Aktivisten selber zu Schaden. Wie gut werden diese über die Gefahren ihrer Mission von Greenpeace informiert? Engeli: «In Russland war sich jeder Teilnehmer bewusst, dass es sich um eine Aktion handelt, die Konsequenzen haben könnte.» Auch Eduard Weber, Vater des inhaftierten Aktivisten Marco Weber, stellte sich hinter die Umweltorganisation. Sein Sohn habe genau gewusst, auf was er sich einlasse.

Des Schweizers Gutmenschentum

Dass sich in Greenpeace eine Art Heldentum, das Recht auf Meinungsäusserungsfreiheit und eine hehre Zielsetzung vereinen, darüber war sich die Runde – und wohl auch die Mehrheit der Zuschauer – einig. Um einer spannenden Sendung willen war man jedoch froh, dass sich mit FDP-Politikerin Doris Fiala jemand erdreistete, die Vorgehensweise von Greenpeace infrage zu stellen. Der Zweck heilige nicht immer die Mittel, so Fiala, Greenpeace überschreite die Grenzen des Demonstrationsrechts: «Putins Sicherheitsbedenken sind nicht unbegründet und die Aktion in Basel kann einen als Fussballfan verärgern – und was, wenn einer der Aktivisten vom Stadiondach abgestürzt wäre?» Für Fiala steht fest, dass das «Gutmenschentum von uns Schweizern» gegenüber Ländern wie Russland arrogant sei, eine «Demokratiekolonialisierung».

Es war trotz der bekannten Faktenlage ein interessanter «Club», der dank der Teilnahme von Eduard Weber auch Emotionen weckte. Wie er gefasst über das Schicksal seines Sohns diskutierte und ihn als Helden verteidigte, beeindruckte. Am Schluss steht aber dennoch die Frage, ob man dank der Aktion mehr über die Arktis spricht – oder bloss über das Schicksal der Aktivisten und die russischen Behörden. Ja, was bringt Greenpeace? Peter Gysling, SRF-Korrespondent in Russland, erinnerte an eine Aktion gegen Atommüllentsorgungen in den 90ern. Damals habe die Sowjetunion nach Greenpeace-Protesten Konsequenzen gezogen. In Hinsicht auf die inhaftierten Aktivisten bleibt zu hoffen, dass man das wieder tut.

Erstellt: 09.10.2013, 09:44 Uhr

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