TV-Kritik

TV-Kritik: Frau Blum und der Hamster

Der gestrige «Tatort» unter dem Titel «Das schwarze Haus» war über weite Strecken klischiert. Und dort, wo er originell sein wollte, haute er kräftig daneben.

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Um 23.35 Uhr gab es den ersten Toten: Der Kunstmaler Martin Neumann stand im Dunkeln vor dem offenen Sicherungskasten seines Hauses und versuchte, wieder Licht zu machen. Er fand seine Erleuchtung im Himmel: Ein heftiger Stromschlag brachte ihn ums Leben. Jemand hatte mutwillig die Elektrizität auf eine Metallplatte geleitet, auf der Neumann stand. Es war also Mord.

«Frau Blum!», rief Kai Perlmann seine Chefin auf den Plan, die auf dem Bodensee unweit vom Ufer mit einem Ruderboot am Angeln war. Ein neckischer Einfall, der im Krimi zum gelungenen Running Gag wurde. Zusammen fuhren Blum und Perlmann ins nahe gelegene Dierenhofen, um im Mordfall zu ermitteln. Im idyllischen Örtchen, das vor allem von Kunstschaffenden bewohnt wurde, war der Aufruhr gross. Wer brachte Neumann auf derart perfide Art um?

Morden, wies im Buche steht

In der neuesten «Tatort»-Folge aus Konstanz mit der tantenhaften Hauptkommissarin Klara Blum (Eva Mattes) wurde den Zuschauern ein reichlich klischiertes Kulturkaff präsentiert. Der Schriftsteller stolzierte im schwarzen Rollkragenpullover rum, die Galeristin trug einen eleganten Hosenanzug, und der arme Musikus trug einen handgestrickten Schal. So schablonenhaft die Figuren waren, so absehbar konstruiert war auch die Geschichte, in der sie sich bewegten.

Nach dem zweiten Mord an der Galeristin und passionierten Jägerin Simone von Sallari erkannten die Ermittler das Schema, denn sie fiel von einem angesägten Hochsitz auf scharfe Klingen: Jemand tötete nach der Vorlage der Kriminalromane des Schriftstellers Ruben Rath – «Unter Strom» beschrieb den Tod von Neumann, Sallari starb wie im Krimi «Auf Messers Schneide».

Das nächste Buch «Himmelwärts» handelte von einem Mord durch Explosion, doch die Polizei konnte die Sprengung des Wohnwagens vom Komponisten Thomas Backhausen nicht verhindern. Und die Tatsache, dass der Autor Rath während seiner Arbeit am Krimi «Auf Anschlag» selber beschossen wurde, enthob ihn des Anfangsverdachts.

«Da brennt noch Licht»

Den Zuschauern war schon bald klar, wer der Täter sein musste. Den Begriffsstutzigen half die Kameraführung auf die Sprünge, indem sie den Möchtegern-Schriftsteller Peter Jeschke ein paar Mal unmissverständlich heranzoomte. Doch das Mehrwissen gegenüber den Ermittlern erhöhte die Spannung bei der Betrachtung der Täterjagd nicht, denn die Polizisten bewegten sich schleppend und stellten sich ziemlich deppert an.

«Da brennt noch Licht; wir sagen einfach einmal guten Abend», sagte Hauptkommissarin Blum vor dem Showdown völlig ironiefrei und ging mit ihren Kollegen gemächlich auf den Ort der letzten Abrechnung zu. Gaben sich die Ermittler im Vorfeld jeweils ahnungslos, waren sie im Nachhinein umso geschwätziger und liessen keinen Deutungsversuch aus. Den Höhepunkt erreichten Blum und Perlmann, als sie ins Haus des Täters eindrangen und dort auf den Hamster im Laufrad stiessen – ein Motiv, das in kurzen Sequenzen mehrmals in dieser «Tatort»-Folge eingespielt wurde.

Wie wenn das für die Zuschauer nicht genug sinnbildlich für den erfolglosen Schriftsteller Jeschke gewesen wäre, holen die beiden Ermittler zu einem Deutungsdialog aus: «Jeschke ist wie der Hamster im Rad.» «Macht einer viel Wind und kommt doch nicht vom Fleck, das ist sein Leidensgenosse.» «Die Qual des unerhörten Künstlers, der sich berufen fühlt und doch nicht weiterkommt.» Welch weise Worte aus Polizistenmund.

So klischiert dieser «Tatort» über weite Strecke daherkam, gerade hier hat er sich völlig verrannt: Welcher Schriftsteller hält sich schon einen Hamster? Das ist genauso unglaubwürdig wie eine Galeristin, die mit dem Gewehr auf die Jagd geht.

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Erstellt: 17.10.2011, 10:02 Uhr

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