TV-Kritik: Grundsätzlich Nein, konkret Ja

Sollen homosexuelle Paare Kinder haben dürfen? Diese Frage wurde gestern im «Club» diskutiert. Die Gegner fanden sich bald in einem paradoxen Dilemma wieder.

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«Was müsst ihr darüber eigentlich noch diskutieren?», wurde der Kinderpsychologe Heinrich Nufer zu Hause gefragt, als er ankündigte, er sei im «Club» zum Thema «Homosexuelle Eltern – arme Kinder?» geladen. Genau das fragte sich wohl auch mancher Zuschauer bei der Lektüre des Fernsehprogramms. Schon wieder so ein «Gpürsch mi»-Thema, wie es den «Club»-Frauen Vetsch und Frei in den vergangenen Wochen verschiedentlich vorgeworfen wurde?

Aus der Luft gegriffen war das gestrige Diskussionsthema jedoch nicht. Denn obwohl es auch in der Schweiz zahlreiche gleichgeschlechtliche Elternpaare gibt, hinkt das Gesetz dem gesellschaftlichen Wandel hinterher. Im Partnerschaftsgesetz, das seit 2007 in Kraft ist, wurde die Adoption für gleichgeschlechtliche Paare ausdrücklich verboten. Das soll sich ändern: In der Frühjahrssession steht das Thema im Ständerat zur Debatte.

Heile Welt bei homosexuellen Eltern

Mona Vetsch versuchte gar nicht erst, ihre Meinung dazu zu verheimlichen. «Haben Sie nie daran gedacht, auf Kinder zu verzichten?» war die einzige ansatzweise kritische Frage an die beiden homosexuellen Eltern in der Runde, die aber eher rhetorisch daherkam. Die Rechtswidrigkeit oder allfälliges Hänseln waren offenbar keine Gründe gegen Kinder. Vetsch liess die beiden reden und es klang alles nach heiler Welt. Martin della Valle erzählte vom glücklichen Moment, als er und sein Partner von einer werdenden Mutter als Adoptiveltern auserkoren wurde, von der Geburt in den USA, bei der sie dabei sein durften, vom Fläschchengeben und Windelnwechseln.

Auch bei der lesbischen Mutter Martina Scheibling kam kein Zweifel auf daran, dass es die gemeinsamen Kinder – entstanden aus Samenspenden – wunderbar haben bei ihr und ihrer langjährigen Partnerin. Davon schien selbst die Gegnerin Brigitte Häberli (CVP-Ständerätin) angetan zu sein. Zumindest fing die TV-Kamera sie lächelnd ein und nicht, wie von der Gegnerseite zu erwarten, mürrisch oder kopfschüttelnd. Der Kinderpsychologe Nufer rundete die positiven Erzählungen mit der Aussage ab, dass es Kinder von gleichgeschlechtlichen Paaren vielleicht sogar besser hätten, weil die Gesellschaft bei solchen Konstellationen genauer hinschaue. Hier war die Diskussion kurz davor, ins Verklärte zu kippen. Vetsch hakte nicht nach.

Die Gegner wurden zahm

Für die Gegner in der Runde hatte Mona Vetsch deutlich weniger Gehör. Vor allem für den EVP-Präsidenten Heiner Studer. Kaum hatte er zu einer Antwort angesetzt, holte die Moderatorin Luft, als wollte sie ihn gleich unterbrechen, was sie meist auch relativ rasch tat. Dabei meine er es doch eigentlich gut, versuchte er zu vermitteln, ausser dass er auf die Einhaltung des gesetzlichen Adoptionsverbotes beharrt.

Als etwa die lesbische Mutter die rechtliche Ungerechtigkeit ansprach («Falls ich morgen nicht mehr da sein sollte, könnte es sein, dass meine Tochter von der Vormundschaftsbehörde fremdplatziert wird»), klinkte sich Heiner Studer sofort ein. Man könne doch davon ausgehen, dass auf solchen Amtsstellen mitfühlende Personen arbeiten würden. Damit waren wir bei der Doppelmoral angelangt, die wir etwa von Fussballfans kennen, die im Stadion auch für ihre nichtschweizerischen Stürmer und Innenverteidiger grölen und auf dem Nachhauseweg Ausländer anpöbeln. Oder vom Ehepaar, das über Ausländer wettert, aber eine ganz liebe portugiesische Putzfrau hat. Das Dilemma zwischen dem negativen Allgemeinen und dem positiven konkreten Fall.

So gingen auch Heiner Studer («Paare mit einem Mann und einer Frau sind der Idealfall, weil es der Schöpfer so wollte», «Es gibt ein Durcheinander mit den Familiennamen») und Brigitte Häberli («Es braucht ein Ei und einen Samen») bald die Argumente aus beziehungsweise sie relativierten sich selber: Heiner Studer mit seinem Plädoyer, man solle die Vielfalt der Menschen im konkreten Fall akzeptieren, und die CVP-Ständerätin Häberli, die «ein stückweit Verständnis» hat. Allerdings habe sie damals für das Adoptionsverbot gekämpft. «Wenn ich mich jetzt nicht dagegen wehre, werde ich unglaubwürdig.» Es schien, als versuchten sich die beiden noch ein wenig ans Gesetz zu klammern, im Wissen, dass der gesellschaftliche Wandel damit nicht aufzuhalten ist.

Überraschende Wendungen

Rasch waren die letzten Sendeminuten angebrochen. Dann gab es eine überraschende Wende. Mona Vetsch liess ein Foto einblenden mit Martin della Valles glücklicher Kleinfamilie: zwei Väter und eine lachende Tochter. «Diese Familie gibt es seit einem Jahr nicht mehr», sagte sie unvermittelt. Della Valles Mann ist vor einem Jahr überraschend gestorben. Der Heimatschein mit der offiziellen Anerkennung der Tochter war erst einen Monat zuvor eingetroffen.

Mona Vetsch machte daraus jedoch keine rührselige Szene, sondern moderierte freundlich, bestimmt und souverän weiter. Zum Abschluss erzählte sie noch rasch nebenher, dass Martin della Valle einem befreundeten lesbischen Paar dank einer Samenspende einen Sohn geschenkt habe, der nun eine Etage tiefer wohnt. Wäre in diesem Moment ein Werbeblock eingeblendet worden, wäre man trotz fortgeschrittener Stunde und trotz oftmals diskutiertem Thema auf dem Sender geblieben. Und das ist gut so.

Erstellt: 22.02.2012, 10:16 Uhr

Umfrage

Sollen homosexuelle Paare Kinder adoptieren dürfen?

Ja

 
68.2%

Nein

 
31.8%

1870 Stimmen


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