«Hat Leuenberger auch etwas Positives geleistet?»

Im «Club» diskutierten Elisabeth Kopp, Roger Schawinski und andere Gäste den Rücktritt von Moritz Leuenberger. Die angestaute Wut über den abtretenden Bundesrat war beträchtlich, das Fazit über seine Amtszeit vernichtend.

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Tritt jemand ab, so kommen in der Regel selbst bei Gegnern zumindest ansatzweise sentimentale Gefühle auf, treten die positiven Eigenschaften in den Vordergrund. Nicht so bei Moritz Leuenberger. In der «Club»-Runde wurde moniert, die Medien hätten nach der Rücktrittsankündigung nur negativ über Leuenberger berichtet – ohne es selber anders zu machen. Mehrfach musste Moderator Röbi Koller nachfragen, ob Leuenberger denn nicht auch etwas Gutes geleistet habe. Doch ausser der Verkehrspolitik kam niemandem etwas in den Sinn. Nicht einmal sein Parteikollege Helmut Hubacher mochte sich richtig für ihn einsetzen.

Wie konnte es so weit kommen? Zu Beginn seiner Amtszeit 1995 war die Stimmung noch ganz anders. «Ich hatte mich gefreut, als er gewählt wurde», sagte Medienunternehmer Roger Schawinski, «erstmals ein 68er im Bundesrat, ein urbaner Mensch, einer von uns.» Der stellvertretende «Weltwoche»-Chefredaktor Markus Somm hatte Leuenbergers Wahl ähnlich erlebt: «Eine ganze Generation hat sich mit ihm identifiziert; link, chic, geschieden, mit einem Kind, von dem man nicht genau wusste, von wem es ist – so jemanden gab es noch nie im Bundesrat.» Um dann zum bitteren Fazit zu gelangen: «Wir wurden brutal enttäuscht.»

Vieles interessierte ihn nicht

Klar, mehrere Gesprächsteilnehmer sind Leuenberger gegenüber alles andere als unbefangen. Alt-Bundesrätin Elisabeth Kopp hat die Umstände, die zu ihrem Rücktritt geführt haben, noch immer nicht überwunden. Der damalige Nationalrat und PUK-Präsident Leuenberger habe bei ihr und ihrer Familie illegalerweise das Telefon abhören lassen, wie sie sagte. Roger Schawinski führt seit Jahren einen Kampf gegen den Medienminister Leuenberger, der mit seiner Regulierung privates Fernsehen in der Schweiz behindert, was gemäss Schawinski auch der SRG schade («Die SRG hatte nachrichtenmässig ihre besten Zeiten, als ‹Tele 24› auf Sendung war»). Und dass Markus Somm politisch längst die Seite gewechselt hat, ist bekannt.

Damit allein lässt sich der Missmut Leuenberger gegenüber aber nicht erklären. «Er machte kein Geheimnis daraus, dass ihn vieles nicht interessiert», sagt SF-Bundeshausredaktor Hanspeter Forster. Nicht unbedingt eine gute Voraussetzung für einen Politiker. Und: «Als 68er hat er Mühe mit der Macht.» Leuenbergers Mittel, um dies zu überdecken: die Ironie. SP-Urgestein Helmut Hubacher meint dazu: «In neun von zehn Fällen ist Ironie eine Missgeburt.» Als Missgeburten könnte man auch einige von Leuenbergers sonderbaren öffentlichen Auftritten bezeichnen. Dass Leuenberger ausgezeichnet schreiben kann, bestreitet niemand, doch auch das wird ihm zum Vorwurf gemacht. «Er ist ein Showman und eine Primadonna», meinte Roger Schawinski. Elisabeth Kopp analysierte:« Am liebsten inszeniert er sich selbst, es geht ihm nicht um die Sache.»

«Nur die Intellektuellen finden Leuenberger lustig»

Es blieb der Eindruck, niemand stehe mehr hinter Leuenberger: Seine Partei nicht, seine Kollegen im Bundesrat nicht und die Journalisten auch nicht. «Nur die Intellektuellen finden Leuenberger lustig», meinte Markus Somm. Damit hat er wohl nicht unrecht, Leuenberger ist auch der einzige Bundesrat, der regelmässig im Schauspiel- und Opernhaus gesichtet wird. Für Theaterbesuche wird er in Zukunft viel mehr Zeit haben – und niemand wird ihm dies missgönnen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 14.07.2010, 10:00 Uhr

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