TV-Kritik: Helvetia und der Winterpneu

Der «Club extra» von gestern Nacht zu den fehlenden Frauen in der Dokufiction «Die Schweizer» war eine Alibiübung. Der Lerneffekt lag ganz woanders.

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Ich bin Frau. Und Schweizerin. Also diese Bevölkerungsgruppe, der gegenüber Roger de Weck jetzt ein so dermassen schlechtes Gewissen hatte, dass er ihr letzte Nacht spontan zweieinhalb Stunden Sendezeit auf SRF 1 schenkte, einen zweigeteilten (wieso eigentlich?) «Club extra», unterbrochen von einer soliden Dokumentation über Sophie Taeuber-Arp.

Ich dachte natürlich, wow, diesem geschenkten Gaul schau ich jetzt ins Maul. Obwohl ich sagen muss, dass mich der Ausbruch der sogenannten Gender-Debatte anlässlich der Dokufiction «Die Schweizer», sagen wir mal, milde peinlich berührt hatte, und ich mir dachte, hallo, Mädels, da verrennt ihr euch jetzt aber, nur ruhig, es ist ja erstens nur ein gut gemeinter, aber mittelschlecht gemachter Vierteiler, und wenn ihr SRF einer ernsthaften Feminismuskritik unterziehen möchtet, dann müsstet ihr sofort für eine Abschaffung der «Landfrauenküche» plädieren. Denn: Da kochen. Frauen. In Trachten. Jahrein, jahraus. Hallo?

Also: Hängen geblieben vom gestrigen Abend ist mir dies: Dass uns keine andere sicher durch den Winter bringt als die Helvetia herself, denn wie Sandra Boner in «Meteo» direkt vor «Die Schweizer» sehr schön zeigte, lässt sich mit der Hilfe einer Zweifränkler-Helvetia die Tauglichkeit eines Winterreifen-Profils messen. Da muss man schon sagen, Chapeau, das ist von der Helvetia fast so clever wie, sagen wir, die Erfindung des Sackmessers, und nützt uns allen existenziell viel mehr als Werner Stauffacher, der ja nur vielleicht die Innerschweizer gegen die Habsburger in die Schlacht am Morgarten geführt haben soll. Danach kamen leider keine ähnlich überzeugenden Frauen mehr, in einer Werbepause sah man noch Christa Rigozzi mit einem Fischschwanz, die sagte, am wohlsten fühle sie sich in den Thermalquellen von Leukerbad. Und natürlich Werbung für die «Landfrauenküche».

«Chame mache, isch glatt»

Und dann kam der «Club extra». Es sprachen da Esther Girsberger, Elisabeth Joris und Regula Schmid Keeling, flankiert von Georg Kreis, gegen Roger de Weck und Peter Keller. Die Frauen waren empört, weil die Frauen fehlten, Georg Kreis war ebenfalls empört, weil ihm mehrere Differenzierungen fehlten und weil ihm die «Gotthardfixierig» der Schweiz nicht passt, Peter Keller sagte, dass das Understatement der Schweiz irgendwie schön sei, und dass man einen «Mythos nicht bei der Migros bestellen könne». Schmid Keeling meinte zu «Die Schweizer»: «Chame mache, isch glatt», und es sei damals im Mittelalter halt einfach «eine schwierige Zeit» gewesen. Roger de Weck sagte, es sei vor allem «eine bärtige Zeit» gewesen, und gab ansonsten ausweichende, aber elegante Antworten. Elisabeth Joris und Georg Kreis versuchte er dadurch ruhigzustellen, dass er all ihre «wunderbaren» und «hervorragenden» Bücher lobte, und man muss schon sagen, heieiei, Takt und Taktieren sind wohl seine Kernkompetenzen.

Leider, leider, ich sags nicht gern, stürzten sich die Frauen kopfüber in eine böse Falle: Sie waren überemotionalisiert und untervorbereitet, und das half ihnen selbst und der Sache am allerwenigsten. Aber der Abend war halt, was er war, und dies von allen Seiten: eine Alibiübung. Roger de Weck versprach, dann, dass die weiteren Teile von «Die Schweizer» «fascht no schpannender» würden, als was wir bereits davon gesehen hatten, und Moderatorin Karin Frei wollte von ihm wissen, was uns Schweizerinnen und Schweizern denn «Die Schweizer» eigentlich bringen solle: In Umbruchzeiten von jetzt die Umbrüche von einst studieren, sagte ihr Chef. Und ich dachte, okay, dann setz ich mich jetzt wie der Reichsvogt Werner von Homberg, der dekadente Hedonist, in die Badewanne und vergess ganz schnell alles, was ich gesehen und gehört habe.

Erstellt: 08.11.2013, 11:58 Uhr

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