TV-Kritik

TV-Kritik: «Heterosexualität muss die Norm bleiben»

Ob Kinder bereits im Kindergarten aufgeklärt werden sollten, wurde gestern im «Club» diskutiert. Die erfrischende Runde offenbarte die gesellschaftspolitischen Bruchlinien und Ängste der Schweiz.

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Vordergründig locker, so gab sich die Runde im gestrigen «Club» auf SF1. Es wurde gescherzt, gelacht, gekichert, sodass Noch-Chefin Christine Maier zuweilen beherzt eingreifen musste, um die Diskussion wieder auf Kurs zu bringen. Denn in der Sache trafen beim Thema «Aufklärung schon im Chindsgi?» Positionen aufeinander, die sich zwar unter die üblichen politischen Lager links gegen rechts subsumieren lassen – aber eigentlich das Spektrum moralischer und weltanschaulicher Differenzen der Gegenwart abdecken. Einig war man sich, dass es einzig und allein um das Kindeswohl geht. Wie aber dieses herzustellen sei, darüber gehen die Meinungen grundsätzlich auseinander. An der gestrigen Diskussion um die Institutionalisierung von Lehrinhalten, um kulturelle und moralische Werte liessen sich viel mehr die zahlreichen gesellschaftspolitischen Bruchlinien der Schweiz ablesen. Man sprach über Aufklärung, aber es tobt ein Kampf der Kulturen unter dem Motto: «Ich verstehe ihre Ängste, aber...»

Der politische Angriff

Zunächst ging es um ein ominöses Konzeptpapier aus dem Kompetenzzentrum Sexualpädagogik und Schule an der PHZ Luzern, dessen Inhalte irgendwann, so die Befürchtung des einen Lagers, in den Lehrplan 21 einfliessen werden. Anian Liebrand, Präsident Junge SVP Luzern und Initiant der Petition gegen Sexualkunde im Kindergarten, nahm dies als Zielscheibe, um seinen ersten Angriff zu reiten. Das Papier begreife bereits Kleinkinder als sexuelle Wesen, sehe vor, dass bereits Kindergärtler zu Doktorspielen ermuntert werden sollten, von «Sachen wie Onanieren und Einführen» sei in diesen «staatlich finanzierten Broschüren» die Rede. Welche Broschüren er genau meinte, wurde zwar nicht klar, aber rhetorisch geschickt und ganz der Politiker, wiederholte er den Vorwurf stetig und machte seine Position glasklar. «Das kann die Junge SVP nicht unterstützen.»

Der für das Papier zuständige Fachmann ist Titus Bürgisser, Leiter des Kompetenzzentrums Sexualpädagogik und Schule an der PHZ Luzern. Er versuchte, gegen die plakativen Vorwürfe Paroli zu bieten, verhedderte sich aber etwas in der fachlichen Komplexität seiner Arbeit. Die Absicht des Papiers sei doch bloss zu definieren, wovon man spreche und habe mit dem Lehrplan überhaupt nichts zu tun. Es gehe darum, dass auch die Schule ihren Beitrag zur Sexualerziehung leisten müsse, und er habe die Aufgabe zu definieren, wie das zu geschehen habe. Doch von solchen Inhalten will Liebrand nichts hören. Er zweifelte kurzerhand die Legitimität solcher Kompetenzzentren und deren «Absolutheitsanspruch» an, womit er demonstrierte, dass er nicht in erster Linie ethisch-moralische, sondern vor allem politische Bedenken hat.

«Eine von Feministinnen erfundene Ideologie»

Ganz anders Anny Filipponi. Die Walliser Vertreterin der Elternvereinigung IG Sorgfalt machte dezidiert klar, dass es hier um einen Kampf der Kulturen geht und dass die gern zelebrierte libertär-tolerante Grundeinstellung auch in diesem Land nicht jedermanns Sache ist. Aufklärung solle Sache der Eltern bleiben, verlangte sie, weil dabei schliesslich Werte vermittelt würden. Um welche Werte es ihr vor allem geht, wurde denn auch schnell klar: Kindern dürfe nicht suggeriert werden, dass sie ihre sexuelle Orientierung frei wählen könnten. Dann fiel das schlimme Wort: Gender-Mainstreaming. Dies sei eine Ideologie, welche Heterosexualität als Norm untergraben wolle, diagnostizierte Filipponi mit schneidender Stimme.

Bevor man sich verständigte, was die Parteien unter diesem Reizbegriff verstehen, formulierte Sängerin und Mutter Emel Aykanat ihre Unsicherheiten als Mutter angesichts der zunehmenden Sexualisierung der Gesellschaft. Sie sei sich «nicht 100 Prozent sicher, ob ich es richtig machen kann», und vertraue deshalb den Fachleuten, mit schwierigen Themen richtig umzugehen. Sie betonte den Dienstleistungs- und Integrationsaspekt der Schule und versprach sich für ihr Kind Chancen, Hilfe, Anregung.

Aber Frau Filipponi war anderer Meinung: «Gender greift die herkömmliche Familie brutal an», sagte sie und bleckte dabei die Zähne. Zusammen mit Liebrand ist sie der Meinung, Gender-Mainstreaming sei eine von Feministinnen installierte Ideologie, die Kindern weismachen wolle, jeder Mensch könne seine sexuelle Orientierung frei wählen. Doch damit habe sie ein Problem, denn «Gender-Mainstreaming greift die Familie total an». Oder wie Liebrand es ausdrückte: «Es hat niemand etwas gegen Schwule und Lesben, aber wenn Heterosexualität nicht mehr die Norm sein soll, sagen wir: So fängt es an, dagegen gehen wir vor.»

Gegen Diskriminierung

Fachmann Bürgisser hielt dagegen. Dies sei doch keine Ideologie, vielmehr gehe es um Gleichstellung, ein Auftrag, der immerhin in der Verfassung verankert sei. Womit er natürlich recht hat. Trotzdem täte er gut daran, sich nicht hinter den Feinheiten seines Fachgebietes zu verschanzen, sondern die real existierenden Ängste ernst zu nehmen.

Diese formulierte schliesslich Autor Sven Broder, der zugleich als charmanter Stichwortgeber fungierte. Er ist zwar ebenfalls der Meinung, Sexualerziehung sei Sache der Eltern, den von Filipponi und Liebrand suggerierten Zusammenhang zwischen Homosexualität und Erziehung stellte er allerdings in Abrede. Er sieht das Problem eher darin, dass bei der Sexualerziehung in der Schule Werte institutionalisiert und verallgemeinert werden sollen, die sich nicht verallgemeinern lassen. Denn die «Bandbreite der Ansichten ist extrem gross». Konkret gab er allerdings Entwarnung: Er habe das Konzeptpapier gelesen, sagte er, und das sei harmlos. Wenn da von gleichwertig gesprochen werde, gehe es ja nicht darum, die Kinder zu einer bestimmten Sexualität zu ermuntern, sondern um Diskriminierung zu verhindern.

Es war eine erfrischende Runde. Lustig wurde es, als Liebrand erklären musste, wie er selber aufgeklärt wurde, sich dabei wand und zugleich zugab, dass dies erst in der Schule geschah. Jenseits des politischen Geplänkels, so das Fazit, geht es hier tatsächlich um grundlegende moralische Werte, die stark im Wandel begriffen sind und formuliert werden müssen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.07.2011, 10:14 Uhr

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