TV-Kritik: Ihr Leben ist ein Porno

Es gibt Frauen – und es gibt Frauen. In der Realität und im Reality-TV. Die gestern ausgestrahlte Sendung «Reality Queens auf Safari» gab Einblick in diesen – sehr tiefen – Graben.

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Weshalb das genau so ist beziehungsweise so sein muss, begreife ich seit Jahren nicht. Wieso nämlich das Reality-TV ausschliesslich Frauen gut findet, deren Leben ein Porno ist, und zwar nicht erst ab Mitternacht, sondern spätestens ab 20 Uhr. Aber offenbar vermuten die Fernsehmacher hinter der Verbindung von dumm und oft nackt das Geheimnis für gute Quoten. Dass das nicht stimmt, hat ja bis vorgestern «Wild Girls – auf High Heels durch Afrika» (RTL) bewiesen, die Sendung ist ja quotenmässig abgesoffen wie ein Sack voll Silikonimplantate (jaja, Silikon schwimmt wirklich nicht).

Vielleicht wirds jetzt mit «Reality Queens auf Safari» auf Prosieben minimal besser, denn es nimmt daran das derzeit geilste Teil teil, Pardon, die bekannteste deutsche C-, D- oder E-Promidame neben Daniela Katzenberger: nämlich Micaela Schäfer. Kennen Sie nicht? Also, die Schäfer stammt aus Leipzig und lebt in Berlin, sie war schon Miss Ostdeutschland, Miss Venus und Miss Tempelhof und wurde in der allerersten Staffel von «Germany’s Next Topmodel» ein bisschen bekannt, aber leider nicht sehr, und seither hat sie sich aufs öffentliche Ausziehen spezialisiert und macht in jeder deutschen Einkaufszone und gerne mal auch in einer U-Bahn Nacktkack. Das Fernsehen: immer gerne dabei.

Jetzt ist sie also mit 11 anderen Mädels nach Afrika, dorthin, wo die Landschaft fast nur aus Sand, Steinen und dürren Büschen besteht und wo «Buschmenschen», wie die deutschen Fräulein das nennen, leben. Aber, so meinte eine Kollegin von der Schäfer, das Pornosternchen Nina Kristin («Was ich sehr gut kann, ist shoppen gehen»), am Donnerstag in der ersten Folge von «Reality Queens» angesichts einer «Buschfamilie»: «Ich glaub, das ist voll die Verarsche!» Sie meinte damit, dass es sich bei der fünfköpfigen Familie mit Affenfellen auf dem Rücken um eine inszenierte Realität handeln müsse. Vielleicht hatte sie sogar recht. Die Buschfamilie selbst war «not amused» über den Besuch. «Die bringen uns Krankheiten, die verderben unsere Gesellschaft», sagte eine der Frauen. Ganz sicher hatte sie recht.

«Traurig für die Mädels, traurig für mich»

Micaela zog sich aus und aus und aus und sagte: «Ich will einfach sexy sein, ich fühl mich nicht wohl in Hosen, ich hab auch aus Protest keine richtigen Pullover mitgenommen.» Worauf der «Buschmann» meinte, gerne würde er mal ihre Eltern besuchen und sich mit ihnen über die Mädels unterhalten, die seien ja einfach alle bescheuert. Er hatte recht.

Die «Wild Girls» waren ja in Namibia, die «Reality Queens» verschrecken jetzt die Einheimischen in Tansania, exakt wie bei den «Wild Girls» gibt es auch jetzt Challenges, die immer etwas mit Sand, Schlamm oder Tieren zu tun haben, es ist also weder interessanter noch anders, sondern bloss ein einziges Déjà-vu. Und wieder müssen die Frauen am Ende eines Tages gemeinsam eine abwählen, und bei den Queens war das jetzt eine gewisse Sabrina, von der ich im Leben noch nie gehört habe, sie sei mal bei «Big Brother» dabei gewesen, heisst es, sie habe lange als «1. Nackte von ‹Big Brother›» gegolten, danach hat sie jedenfalls eine Polizistin verprügelt und ist pleitegegangen, weshalb sie jetzt in dieser TV-Rehab namens «Reality Queens» gelandet ist.

Sabrina nervte, das war ihr Schicksal, und beim Rausschmiss sagte sie: «Ich bin sehr traurig, dass ich jetzt dieses wunderschöne Land verlassen muss und dass es so gekommen ist: Sie täuschen Freundschaft vor, sie täuschen Gemeinschaft vor – das ist so traurig. Traurig für die Mädels, traurig für mich.» Das kann gut sein. Denn wie sagte nochmals Teilnehmerin Nancy (war mal im «Bachelor»)? «Ich kann nicht so mit Frauen, Frauen sind hinterfotzig, Frauen kann man nicht vertrauen.» Im Fernsehen sind sie jedenfalls so. Im Leben sind sie besser.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.08.2013, 11:28 Uhr

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