TV-Kritik

TV-Kritik: «Irgendwann blieben die Roma übrig»

Der gestrige «Club» versuchte, das «Feindbild Roma» jenseits von Bettelei und Strassenstrich zu ergründen. Viele Fragen blieben aber offen.

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50'000 Roma leben gut integriert in der Schweiz – aber in den Schlagzeilen sind sie nur als Bettler, Kriminelle und Prostituierte. Doch wer sind überhaupt Roma? Was ist das Problem? Was ist Vorurteil, was ist Fakt? Moderatorin Karin Frei versuchte, das heikle Thema mit ihren Gästen zu ergründen.

Diese kannten das Problem aus eigener Erfahrung: der Berner Polizist, die Zürcher Sozialarbeiterin, die Entwicklungshelferin, der Volkskundler, der Roma-Aktivist – und der Rom selber, der sich «outete». Von den meisten Roma in der Schweiz weiss man nicht, dass sie zu dieser Volksgruppe gehören, und das ist den meisten auch recht so. Oft genug werden Rumänen oder Bulgaren als Roma angesehen, obwohl sie gar nicht dazugehören.

Ghettos und strukturschwache Regionen

Hier fängt das Problem schon an: Die Roma gehören gleichzeitig einem Nationalstaat an und einer über ganz Europa verteilten Ethnie. Volkskundler Heule beschrieb dies in einem historischen Exkurs: «Als sich im 19. Jahrhundert die Nationalstaaten bildeten, blieben die Roma irgendwann übrig und hatten kein Land mehr.» Das ist aber auch kein Zufall: Schon lange zuvor wurden die «Fahrenden» verfolgt, als Zigeuner beschimpft und ausgegrenzt, und das ist teilweise bis heute so geblieben.

Fahrende Roma gibt es heutzutage aber fast nicht mehr. Die meisten der 8 bis 12 Millionen Angehörigen leben in Osteuropa, in Rumänien, Bulgarien und Ungarn – und dort liegt auch die Wurzel des Problems. Sie leben oft unter prekären Bedingungen in Ghettos oder strukturschwachen Regionen, bekommen wenig Hilfe von der Regierung und den Behörden, werden von der Bevölkerung ausgegrenzt und als Sündenböcke missbraucht. Die Kinder können oder wollen nicht in die Schule, die Eltern bekommen keine Jobs, die Familien leben in grosser Armut und werden so schnell Opfer von kriminellen Machenschaften – aus den eigenen Reihen oder aus der Mafia. Wer diese bösen Hintermänner seien, fragte Karin Frei mehrmals, und erhielt keine wirkliche Antwort.

So geraten sie schnell in Prostitution oder in organisierte Bettelei, werden ausgenutzt bis aufs Blut und verdienen selber gar nichts. Doch immer wieder wurde darauf hingewiesen, dass dies kein Problem der Roma sei, sondern generell ein Armutsproblem. Die Roma als ausgegrenzte Minderheit sind davon aber noch stärker betroffen als andere.

Hilfe vor Ort

Inwiefern ist die Schweiz von dem Problem überhaupt betroffen? Ist der Kriminaltourismus so gravierend? Dass man sich auch an der eigenen Nase nehmen müsse, darauf wies ausgerechnet der Polizist hin: Im Hinblick auf die Prostitution meinte er, man müsse auch schauen, wer da überhaupt zu diesen Frauen gehe.

Karin Frei bemühte sich in der schwierigen Diskussion stets, politisch korrekt zu bleiben, hakte zwar nach, wies ihre Gäste aber oft zu wenig auf Probleme und Widersprüche hin. Einige hätten sich wohl einen Asyl-Hardliner und eine kontroversere Diskussion gewünscht, doch das Fehlen eines solchen ermöglichte eine sehr differenzierte, teils langwierige Diskussionman. Dabei erfuhr man viel Neues, wusste am Schluss aber immer noch nicht so recht, wer jetzt alles dazu gehört.

Zum Schluss waren Lösungen gefragt. Einig war man sich, dass das Hauptproblem in Osteuropa liege: in der Armut und in der schwierigen politischen Situation dort. Darum ist Hilfe vor Ort sehr wichtig, um den Leuten eine Perspektive zu geben. Ob man das tut, damit es den Leuten besser geht oder damit sie einfach nicht in die Schweiz kommen, blieb offen.

Erstellt: 14.11.2012, 09:33 Uhr

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