TV-Kritik: Jeder ein Organspender?

In der Schweiz gibt es vergleichsweise wenig Organspender. Weshalb das so ist und wie man auf der Transplantationsliste nach oben rückt, wurde gestern im «Club» diskutiert.

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Spenderherzen, -nieren und -lebern sind in der Schweiz Mangelware. Wie sollen die wenigen passenden Organe auf die vielen wartenden Patienten verteilt werden? Und sollen in Zukunft grundsätzlich alle zu Organspendern werden? Die grosse Mehrheit im gestrigen «Club» setzte sich in diesen Fragen für mehr Organspenden ein. Die Medizinethikerin Ruth Baumann-Hölzle hatte da mit ihren etwas abstrakten Bedenken einen schweren Stand.

Ohne gespendete Leber wäre Gina Kalt, die gestern auch in der Runde sass, tot. Dank der Transplantation lebt die Lehrerin heute wieder ein normales Leben. Keine Selbstverständlichkeit, wie sie im gestrigen «Club» erklärt. «Könntest du nicht noch etwas dankbarer sein?», frage sie sich oft, wenn sie sich über eine Kleinigkeit in ihrem Alltag aufrege. Laut der Stiftung Swisstransplant warten heute in der Schweiz 1000 Patienten auf ein Spenderorgan. Jährlich sterben 67 Menschen, weil nicht rechtzeitig ein passendes für sie gefunden werden konnte.

Nur auf das eigene Wohl bedacht

Thierry Carrel, Chefarzt Herz- und Gefässchirurgie am Berner Inselspital, sagte, er sei «zuerst einmal dankbar für jeden Mensch in diesem Land der ein Organ spendet.» Dass es in der Schweiz vergleichsweise wenige Spender gibt, findet er zwar verständlich. Solange es einem gut gehe, möchte man sich nicht mit dem Tod beschäftigen. Er sieht bei den Schweizern aber auch eine «gewisse egoistische Komponente». Das eigene Wohl gehe bei vielen vor.

Heute weisen sich Spender mit einer Spendekarte aus. FDP-Ständerat Felix Gutzwiller forderte deshalb, dass in Zukunft das sogenannte Widerspruchsrecht in Kraft treten solle. Damit würde die Spende zum Normalfall und der Nichtspender hätte sich abzumelden. Ein Eintrag, zum Beispiel im Fahrausweis, könne er sich gut vorstellen.

Bedenken gegen das Widerspruchsrecht äussert Ethikerin Baumann-Hölzle. «Eine Spende ist immer freiwillig», betonte sie. Viele Menschen hätten eine «gewisse Scheu, den eigenen Körper zur Verfügung zu stellen». Sie selber habe einen Spenderausweis. Ihr sei aber ein «bewusster Entscheid» wichtig. Die Problematik könne ein guter Grund sein, sich mit der Spitzenmedizin zu befassen. Dies geschehe beim Widerspruchsrecht nicht unbedingt. Gutzwiller konterte: «Ich hab immer noch nicht gehört, warum man eigentlich Nein sagt.»

Pragmatik oder Ethik?

Reibungsfläche bot die Frage, welchen Patienten auf welchem Weg die vorhandenen Organe zugeteilt werden sollen. Im Artikel 18 des Transplantationsgesetzes werden für die Zuteilung die medizinische Dringlichkeit, der medizinische Nutzen und die Wartezeit genannt. Moderatorin Christine Maier fragte provokativ in die Runde: «Die junge Mutter kriegt das Organ eher, oder?» Gina Kalt meint dazu pragmatisch: «Solange es nicht genug Organe hat, muss man auswählen und vor allem intelligent auswählen.» Der medizinische Nutzen müsse ausschlaggebende sein, meinte Gutzwiller. «Hier braucht es die Beurteilung der zuständigen Ärzte, Patienten und Angehörigen.» Aber auch ökonomische Fragen würden bei der heutigen Hightech-Medizin immer aktueller. «Wie viel kann die Gesellschaft für ein weiteres Lebensjahr zahlen?»

Dass von den Ärzten eine Einschätzung des Nutzens vorgenommen wird, sieht Baumann-Hölzle kritisch. Hier fände Lebenswertung statt. Sie befürchtet, dass dieses Nutzendenken in Zukunft bei im Koma liegenden Spendern angewendet werden könnte und man ihnen die lebenserhaltende Maschine etwas früher abstellt. «Dieses Denken darf nicht einsetzen.»

Die Sendung lieferte wichtige Informationen zum oft tabuisierten Thema Organspende. Zu einer wirklichen Kontroverse zu heiklen Aspekten der heutigen Spitzenmedizin kam es jedoch nicht. Ausser der Ethikerin waren keine Spendenkritiker geladen. Hier gäbe es viel Stoff für Folgesendungen. Offenbar schien für die Redaktion bei der Auswahl der Gäste die Sensibilisierung des Publikums für den Missstand im Vordergrund zu stehen. Dafür nahm sie deren etwas einseitige Sichtweise in Kauf. In diesem Sinne fiel auch das Schlusswort von Gina Kalt aus. Sie forderte das Publikum zur Organspende auf: «Es müsste selbstverständlich sein. Wenn ich tot bin, spielt es ja keine Rolle mehr.»

Erstellt: 29.09.2010, 09:48 Uhr

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