TV-Kritik

TV-Kritik: «Jetzt ist Schluss mit lustig»

Gestern gab Thomas Gottschalk seinen Ausstieg bei «Wetten, dass..?» bekannt. In der öden Jubiläumssendung zeigte sich jedoch deutlich: Es ist nicht nur Gottschalk, der es bleiben lassen sollte.

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Der Applaus ist tosend, wie immer. Thomas Gottschalk schreitet strahlend vor die Kameras – und wird plötzlich ernst. «Jetzt ist Schluss mit lustig» sagt er und kündigt seinen Ausstieg aus der erfolgreichen Samstagabendsendung an. Für ihn läge seit dem tragischen Unfall von Wettkandidat Samuel Koch ein Schatten auf der Sendung, begründet er seinen Abgang. Anders sieht das offenbar das ZDF. Der Programmdirektor des Senders will die Show fortsetzen, mit einer neuen Moderation. Ein Entscheid, der wenig einleuchtet, ist der Erfolg der Sendung doch stark mit der Person Gottschalk verbunden. Ein ähnlicher Versuch Anfang der neunziger Jahre mit Wolfgang Lippert als neuer Moderator scheiterte nach nur neun Ausgaben.

Mit Salamischeiben Golf spielen

Die gestrige Jubiläumssendung zum 30-jährigen Bestehen der Unterhaltungsshow aus Halle zeigte es deutlich: Das Sendekonzept hat sich überlebt. Es lassen sich schlicht keine guten neuen Wetten mehr finden. Nach dem tragischen Unfall des Wettkandidaten Samuel Koch können zudem keine hochsportiven Wetten mehr durchgeführt werden. Auf dem Programm standen darum harmlose, aber wenig überraschende Wetten: Es wurden Kerzen mit Frisbees ausgelöscht oder Kronkorken mit dem Ohr in Biergläser gekickt. Als zwei Kandidaten mit Salamischeiben Golf spielten, wurde Gottschalk nostalgisch. Bei einem seiner ersten Einsätze für die Sendung habe es eine ganz ähnliche Wette gegeben, einfach mit Trauben.

Wirklich unterhaltsam war Kandidat Andreas Runkel. Er schraubte im Handstand Glühbirnen ein – innert drei Minuten drei Stück. Dafür stieg er auf eine Leiter. Seine perfekt pedikürten Füsse puderte er sich mit Magnesium ein. Mit seiner schalkhaften Art erinnerte der Kandidat etwas an Skispringer Simon Ammann. Die Sympathien des Publikums hatte er auf sicher. Verdient wurde er zum Wettkönig des Abends gekürt.

«Naomi, du riechst gut!»

Musikalisch setzte die Sendung auf Altbackenes. Udo Lindenberg offerierte Gottschalk nach seinem Auftritt Eierlikör und brabbelte minutenlang Unverständliches vor sich hin. «Es fehlt die Zeit zum Übersetzen», lästerte Gottschalk. Gleich zwei Gruppen feierten zudem in der Sendung ihr Comeback: Robbie Williams kam mit seinen alten Kumpels von Take That und die schwedische Popgruppe Roxette trällerte ihr ewiges «She's Got The Look». Beide Gruppen hatten ihre besten Zeiten in den Neunzigern. Apropos: «1991 habe ich meinen ersten Zungenkuss gegeben, an einen Schweizer», erinnerte sich Co-Moderatorin Michelle Hunziker, die heute verzweifelt nach einem neuen Eros sucht.

Auf der Couch nimmt neben der deutschen Prominenz Naomi Campbell Platz. Das Model sorgt oft für Negativschlagzeilen – etwa mit ihrer Leidenschaft für echten Pelz oder ihrer Verwicklung in einen Blutdiamanten-Prozess. Doch Gottschalk würde seine internationalen Stargäste nie kritisieren. Campbells Aussage, der russische Ministerpräsident Wladimir Putin sei «charmant, intelligent und ein wirklich netter Mensch», lässt er unkommentiert. Zudem darf Campbell für ihr neues Duftwässerchen werben. «Naomi, du riechst gut!» schwärmt Gottschalk.

Das Model bedankt sich brav beim Moderator – und zeigt sich untröstlich über das bevorstehende Ende seiner Ära: «Du kannst nicht gehen, du bist doch eine Institution.» Und irgendwie hat sie ja Recht: Denn es war Gottschalk, der dieses seltsame TV-Format über all die Jahre zum Erfolg machte.

Erstellt: 13.02.2011, 07:37 Uhr

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Knapp elf Millionen

Thomas Gottschalks Entscheidung über seine Zukunft bei «Wetten, dass..?» haben 10,56 Millionen Zuschauer verfolgt. Am Samstagabend hat nach ZDF-Angaben fast jeder dritte Zuschauer ab drei Jahren (Marktanteil 32,1 Prozent) gesehen, wie der Moderator seinen Abschied von der Samstagabendshow ankündigte.

Damit lag die erste Show nach dem schweren Unfall von Samuel Koch knapp über den Einschaltquoten der Unglückssendung. Am 4. Dezember hatten fast zehn Millionen Menschen eingeschaltet.

Die höchste Zuschauerzahl im vergangenen Jahr hatte die Ausgabe vom 23. Januar mit 10,74 Millionen verzeichnet. Den Einschaltrekord hält die Sendung vom 9. Februar 1985 mit 23,42 Millionen Zuschauern. (dapd)

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