TV-Kritik

TV-Kritik: Konfuzius’ böse Kinder

Sphinxhafte Bürokraten und brutale Gangster sind hinter uns her: Der «Tatort» beschwor mit China-Stereotypen ein paranoides Gruseln.

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«Pingpangpung», machte Thiel. «Schingschingsching.» Der pummelige Kommissar schnödete über die Sprache der Chinesen, während ihm sein Fall über den Kopf wuchs: Eine regimekritische chinesische Künstlerin war in Münster erstochen worden, und seit Thiel in deren Unterkunft einen Diplomaten beim Einbruch ertappt hatte, verdächtigte er den chinesischen Geheimdienst – fälschlicherweise. Der von ihm geschnappte Chinese verwies auf seine diplomatische Immunität und drohte mit Konsequenzen. Thiel darauf: «Wie bei ihnen zuhause? Genickschuss und dann Ende Banane?»

Da der «Tatort» ein TV-Format von seismographischer Qualität ist, war es nur eine Frage der Zeit, bis die chinesische Provokation als Kontext verwendet werden würde: Plötzlich ist da dieses Land, das wirtschaftlich erfolgreicher als der Westen und zugleich politisch wie kulturell so andersartig ist. Regisseur Lars Jessen (jüngst mit einem Film über die fiktive Elektro-Combo Fraktus in den Kinos) verarbeitete gleich mehrere Konflikte des heutigen Chinas: Die Minderheitenpolitik, die organisierte Kriminalität, der Geheimdienst als erbarmungsloser Aufpasser des Staats und die teils unkritische Vorliebe westlicher Kuratoren für chinesische Dissidenten.

Konfuzius hatte keine Tipps

Jessen zeigte einen irrlichternden Thiel, was mit den mächtigen involvierten Organisationen, vor allem aber auch mit dem Ausfall seines Partners Boerne zu tun hatte. Der war zu Beginn in seinem Seziersaal von der Künstlerin verführt und bei deren Ermordung übel in Mitleidenschaft gezogen worden. Boerne galt lange selber als möglicher Täter, wodurch Thiel bei den Ermittlungen auf sich allein gestellt war. Wenig später kam noch ein chinesischer Mafia-Clan dazu, der ein kostbares uigurisches Buchs behändigen wollte, das die Künstlerin nach Münster gebracht hatte.

«Was sagt da eigentlich Konfuzius dazu? Hat der irgendwelche Tipps?», fragte der überforderte Thiel seinen Kollegen Boerne. Auch Konfuzius hatte keine Tipps, noch beim finalen Showdown tappte Thiel im konkreten wie übertragenen Sinn im Dunkeln. Irgendwann konnte sich Boerne wieder erinnern, und der Fall löste sich beiläufig auf: Mörder war der verzweifelte Assistent der Künstlerin, der deren riskanter Lebensstil nicht mehr mittragen wollte.

Die Chinesen blieben fremd

Sehr bedächtig und unter Vernachlässigung des Krimi-Plots baute Jessen die Drohkulisse eines Polit-Thrillers auf. «Sowas gibt’s doch nicht in Münster!», rief mehrmals Thiel, der den Geistern, die die Künstlerin gerufen hatte, mit seinen beschränkten detektivischen Mitteln nicht beikommen konnte. Jessen ersetzte die Spannung eines konventionellen Krimis durch ein paranoides Gruseln. Dieses Gruseln wurde allein durch Chinesen hervorgerufen, denen die klischeehaften Rollen der spinxhaften Bürokraten oder der brutalen Gangster zugeteilt wurden. Zu kurz und zu spärlich waren die melodramatischen Szenen des Assistenten, um am gezeigten negativen China-Bild grundsätzlich etwas zu ändern.

Alle Chinesen blieben den Münsteranern folglich bis zum Schluss fremd. Die einzige vielversprechende Verbindung, jene zwischen dem kultivierten Boerne und der exzentrischen Künstlerin, war frühzeitig zerstört worden. An der Ignoranz seines Kollegen Thiel änderte sich rein gar nichts. Zu Filmende sassen die beiden auf der Couch und hörten «Turandot»: Bezeichnend, dass diese Oper, die vom chinesischen Kaiserhof handelt und vom Italiener Puccini Anfang des 20. Jahrhunderts komponiert worden ist, den grösstmöglichen Kulturtransfer darstellte. Damit ging «Die chinesische Prinzessin» als ein über weite Strecken schwerfälliger, hoffnungslos kulturpessimistischer und ziemlich stereotyper Polit-Thriller in die «Tatort»-Geschichte ein.

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Erstellt: 20.10.2013, 21:58 Uhr

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