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TV-Kritik: «Liebä Gott, laa mi schlaafe»

Ein Drittel aller Schweizerinnen und Schweizer leidet unter Schlafstörungen. Der gestrige «Club» widmete sich dem Thema Schlaflosigkeit.

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Wie lange haben Sie letzte Nacht geschlafen? Weniger als acht Stunden? Sechs Stunden? Und letzte Nacht auch schon? Wenn Sie das jetzt für den Rest der Woche so durchziehen, haben Sie am Freitagabend eine Fahrleistung, als hätten Sie 0,8 Promille im Blut. Christian Cajochen, Chronobiologe und Schlafforscher, brachte dieses Beispiel gestern Abend in die Runde des «Clubs» zum Thema Schlafstörungen. «Oh, oh», wird sich wohl mancher Zuschauer gedacht, reuig auf die Uhr geschaut und nachgerechnet haben, wie viele Stunden Schlaf nach dem «Club» noch bleiben. Der geht immerhin bis kurz nach halb zwölf.

Drei Experten und eine Gruppe Schlafloser und (ehemals) Schlafgeplagter versammelte Moderatorin Karin Frei auf ihrer Couch: Die Schauspielerin Ursula Schäppi kann jeweils erst gegen sechs Uhr morgens einschlafen. Der Pensionierte Eugen Hilti hat das Restless-Legs-Syndrom, eine Störung des Zentralnervensystems, die einen in der Nacht keine Ruhe finden lässt, und Peter Gantner hat früher so laut geschnarcht, dass seine Frau das Zimmer wechselte. Auf Expertenseite kamen neben Schlafforscher Cajochen die Psychologin und Somnologin Eva Birrer und der Schlafmediziner Jürg Schwander zu Wort.

«Direkt über den Augen rennen meine Gedanken hin und her», beschrieb Schauspielerin Schäppi, und nach ein paar Stunden Wachliegen steige eine richtige Wut in ihr auf, sodass sie regelrecht aus dem Fenster springen könnte. Eugen Hilti hat früher in Hotels regelmässig im Badezimmer auf dem harten Steinboden geschlafen, weil seine schlafraubenden Missempfindungen nur so gelindert werden konnten, und Ex-Schnarcher Peter Gantner wollte schliesslich endlich das, was man nach seiner Aussage nicht will: «Endlich wieder Ruhe im Schlafzimmer.»

Zu wenig Schlaf als Kavaliersdelikt

Die Schlafstörungen der «Club»-Gäste waren divers und sollten vielleicht die Vielseitigkeit der Volkskrankheit illustrieren: Ein Drittel der Schweizer Bevölkerung leidet an Schlafstörungen, wobei 150 verschiedene Typen klassifiziert sind. Genau dort lag die Krux des gestrigen «Clubs»: Während Ex-Schnarcher Gantner (das «Ex» lag ihm sehr am Herzen) mit einer speziellen Zahnschiene mechanisch geholfen werden konnte, schienen die Probleme der schlaflosen Schauspielerin weit tiefer zu wurzeln: Gegen quälende Selbstzweifel und Gedankenrasen versuchte sie es mit Mantras und Atemübungen auf der einen und Antidepressiva und Schlafmitteln auf der anderen Seite. Dass hier organische Äpfel mit psychischen Birnen verglichen werden, ist offensichtlich.

Während es in diagnostischer und therapeutischer Hinsicht unmöglich war, alle Gäste im gleichen Bett zu versorgen, schien sich die Gruppe in einem Punkt einig: Unsere Gesellschaft nimmt keine Rücksicht auf unsere innere Uhr, und Schlafstörungen sind ein Tabu unserer Leistungsgesellschaft.

Zu wenig Schlaf, so Schlafforscher Cajochen, «gilt bei uns als Kavaliersdelikt». Dabei ist der Schlaf laut Schlafmediziner Schwander «die billigste Eigenpflege, die man leisten kann»: Wer gut sein will, muss schlafen. Wer beim Schlaf streicht, tut dies definitiv an der falschen Stelle.

Dass man bei Schlafstörungen keinen Schlafdruck aufbauen soll, wie Psychologin Birrer betont, macht absolut Sinn: Wer nicht schlafen kann, soll besser aufstehen und sich anderweitig ablenken. Auch die berüchtigte Abklärung, ob man denn nun eine Eule oder eine Lerche sei, empfehle sich natürlich sehr. Am Schluss wurde Schäppi gefragt, was sie denn nun allen anderen Schlaflosen raten würde: «Weiterbeten» war ihre Antwort. Jede Nacht sage sie sich: «Liebä Gott, laa mi schlaafe.»

Erstellt: 07.08.2013, 10:44 Uhr

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