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TV-Kritik: Mähdrescher Gottes

Der gestrige «Club» ging der Frage nach, ob Menschen Wunder bewirken können. Anlass war der geplante Auftritt des umstrittenen Missionars Reinhard Bonnke im Zürcher Hallenstadion.

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Am Wochenende feiert die Christenheit das Pfingstwunder. Darunter versteht man die Fähigkeit der Jünger Jesu, plötzlich in anderen Sprachen zu sprechen und diese auch zu verstehen – die alttestamentarische babylonische Sprachverwirrung war durch Gott aufgehoben. Nun konnten die Christen alle Menschen ansprechen, sie konnten missionieren.

Genau diese biblische Aufgabe übernimmt heute der umstrittene evangelikale Prediger Reinhard Bonnke, der sich selber als «Mähdrescher Gottes» bezeichnet. Er will eine grosse Ernte einfahren und predigt etwa in der nigerianischen Hauptstadt Lagos vor einer Million Zuhörern. Dabei nimmt er Wunderheilungen vor als auch Bekehrungen von Muslimen. Eben das löste dort vor 20 Jahren Ausschreitungen aus, die über 300 Tote forderten.

Runde in Schieflage

Exakt auf Pfingsten macht der Missionar Bonnke auf Einladung der Freikirche International Christian Fellowship (ICF) einen Zwischenhalt in Zürich. Anlass genug für Christine Maier, eine illustre Runde über die Frage «Heilen wie Jesus – nichts als Humbug?» diskutieren zu lassen. Dem Gründer und Prediger der Freikirche ICF, Leo Bigger, und dem Betreiber von Wunderheute.tv, Andreas Lange, sassen der Sektenexperte Hugo Stamm und die Zürcher Alt-Regierungsrätin Rita Fuhrer gegenüber, die Bonnkes Aktionen als Scharlatanerie bezeichnete.

Ein bisschen ausserhalb dieser beiden Pole nahmen der Diakon Franz Kreissl als Vertreter der offiziellen Landeskirchen und der Psychiater Daniel Hell als Vertreter der Schulmedizin teil. Diese fein austarierte Runde im Gleichgewicht zu halten, war die beinahe unmögliche Aufgabe der Gesprächsleiterin Christine Maier. Immer wieder versuchte sie mit klaren Zwischenfragen die Diskussion zu lenken. Doch vergeblich: Entweder gaben ihr die Teilnehmer keine klaren Antworten oder durchs übernächste Votum geriet die Runde wieder aus dem Gleichgewicht.

Und das bedeutete, dass Leo Bigger über weite Strecken oben ausschwang. Der ICF-Gründer freute sich denn auch über die «megacoole Runde». Weil sich alles auf ihn als Gastgeber von Reinhard Bonnke fokussierte, kam er immer wieder zu Wort und konnte so letztlich beste Werbung für seine Freikirche machen. Gleich zu Beginn versuchte er Hugo Stamm als legitimen Diskussionsteilnehmer zu diskreditieren, indem er ihn als Atheisten bezeichnete. Stamm versuchte sich im Verlauf des Gesprächs demgegenüber bei Bigger einzuschmeicheln: «Du weisst, ich mag dich gerne.» Biggers selbstbewusste Antwort: «Ja, ich bin ein guter Typ.»

«Schisshuerefreud»

Die eigentliche Widersacherin fand Bigger in Rita Fuhrer, die sich selber als gläubigen Menschen bezeichnete und gerade deshalb von Reinhard Bonnke so beelendet war: «Er spielt mit der Masse und dem Schicksal der Menschen – ihm fehlt die Bescheidenheit.» Auch Daniel Hell, der in seiner Klinik Depressive behandelt, sah im fehlenden Eingehen auf den Einzelnen die Problematik von Bonnkes Auftritten: «Es wird Suggestion betrieben.» Im Übrigen könnte auch er sich als Wunderheiler bezeichnen, meinte Hell ironisch, habe er doch schon einmal einen vermeintlichen Alzheimerkranken als Depressiven entlarvt.

Franz Kreissl vermisste die Verantwortung von Bonnke für den einzelnen Menschen und fragte sich: «Was ist morgen, wenn Bonnke weg ist?» Darauf wusste Hugo Stamm eine Antwort: Er hatte sich die Telefonnummern von angeblich Geheilten eines anderen Wunderpredigers geben lassen. Ergebnis: Fünf Tage später waren bei allen die Krankheitssymptome wieder da.

All diese Voten konnten Leo Bigger nicht von seinem Glauben abbringen, dass er sich und den Menschen mit der Einladung von Reinhard Bonnke zum 15. Geburtstag des ICF etwas Gutes getan hat. Was er denn tun werde, wenn am Samstag im Hallenstadion ein Wunder geschehe und ein Kranker die Krücken wegwerfe, wollte Christine Maier von Bigger wissen. «Dann habe ich eine ‹Schisshuerefreud›», sagte der Prediger mit einem weniger biblischen Ausdruck.

Erstellt: 08.06.2011, 09:42 Uhr

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