TV-Kritik

TV-Kritik: Matthäi am Letzten

Im gestrigen «Club» gings um Drogen – und damit um die Frage: Wie wird man das elende Zeug wieder los?

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«Heroin ersetzt jedes menschliche Bedürfnis», sagte der Ex-Junkie. «Kommunikation, Essen, Sex. Es bläst dir das Hirn weg.» Wenn er an den Letten zurückkehre, empfinde er noch immer heimatliche Gefühle. Der Letten, der Ort des Rauschs. «Es gibt keinen Vergleich.»

Wer noch eines weiteren Beweises der grauenhaft-dämonischen Kraft des Heroins bedurfte, bekam ihn in den ersten zehn Minuten des gestrigen «Clubs», als Andreas von Burg von seiner Zeit als Abhängiger erzählte. Jahre hat er an das Heroin verschwendet, er hatte Hepatitis C und leidet an Herzproblemen. Das Glücksgefühl des Flashs hat sich dennoch tief in seine Erinnerung eingegraben: «Es war etwas, das der Mensch einfach nicht sehen durfte.»

Neben von Burg erzählten der Ex-Alkoholiker Bruno Jagher («stellte die Tasche zu Hause so ab, dass die Flaschen darin nicht klirrten») und die Ex-Tablettensüchtige Herta Patruno («war immer so müde») von ihrem Martyrium.

Deplatzierte Videos

Doch wie kehren Menschen in ein gesundes Leben zurück, die ihre Familien belogen, ihre «besten Freunde bestohlen» (von Burg) und ihre Arbeitgeber ausgetrickst haben? Unzählige Entzüge habe er unternommen, sagte von Burg. Nach einem Überfall sei er von der Polizei gestellt und verhaftet worden – da habe er innerlich aufgegeben und sich aufhängen wollen. Bereits am Strick, habe ein Nahtoderlebnis ihn zur radikalen Umkehr bewegt.

Matthäi am Letzten seis auch für ihn gewesen, sagte Jagher; der Familie wegen habe er den Ausstieg geschafft. Heute leitet er eine Selbsthilfegruppe. Über seine Arbeit in dieser Gruppe hätte man gerne mehr erfahren, ebenso darüber, was es heisst, wenn sich Drogensüchtige gegenseitig «verstehen». Die Bedeutung dieses «Verstehens» hoben Jagher wie Burg immer wieder hervor – es muss sich um ein Verständnis handeln, das in tiefe seelische Abgründe führt.

Dafür und auch für die Diskussion erfolgreicher und neuer Therapien fehlte dann allerdings die Zeit. Das lag einerseits am länglichen kulturgeschichtlichen Exkurs von Toni Berthel, Präsident der Eidgenössischen Drogenkommission, der an der Runde abprallte. Letzterer hatte die Realität wohl zu arg zugesetzt, als dass sie sich noch mit spekulativen Theorien beschäftigen wollte. Und es lag andererseits an den nicht minder länglichen Videoeinspielungen zu Anfang und Ende der Sendung: Am Bahnhof Stadelhofen waren Passanten nach ihren Süchten befragt worden. Die koketten Antworten wie «Chips», «Glace», «Fussball» oder «Familie» wirkten im ernsten Kontext der Sendung sehr unsensibel und brachten das Gespräch nicht voran.

Ein gelungener «Club» wars dennoch, weil die Betroffenen Einblick in ihr Innenleben gaben – ein Innenleben, das wohl nie mehr richtig zur Ruhe kommen wird. In seinen Träumen sehe er sich Alkohol trinken, sagte Jagher, und auch von Burg fürchtet sich noch vor dem Dämon Heroin: An manchen Tagen gehe er intuitiv nicht in die Stadt aus Angst vor dem Rückfall. Er rieche es noch immer, wenn Stoff in seiner Nähe sei, sagte der Ex-Junkie.

Erstellt: 10.07.2013, 09:46 Uhr

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