TV-Kritik

TV-Kritik: Mehr Drill für Schweizer Kinder?

Amy Chuas Buch «Die Mutter des Erfolgs» ist der momentan am heissesten diskutierte Erziehungsratgeber. Gestern debattierte der «Club», wo auch Kinderarzt Remo Largo zu Gast war, chinesische Drillmethoden.

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Amy Chua provoziert. Die chinesischstämmige Amerikanerin singt ein Loblied auf strenge Drillmethoden in der Erziehung und hält den westlichen Hang zum Individualismus und zur Gschpürschmi-Pädagogik für ein Zeichen der Verweichlichung. Das Buch gibt zu reden, auch weil der wirtschaftliche Erfolg Chinas ihm recht zu geben scheint.

An dieser Bruchlinie versammeln sich denn auch die Lager im Club. Hier haben wir die Chinabegeisterten, die von der chinesischen Kultur lernen wollen, weil sie darin ein geeignetes Korrektiv erkennen zu unserer von Individualität geprägten Gesellschaft. Auf der anderen Seite stehen die Pädagogen, die auf die freie Entfaltung des Individuums schwören und darin den Königsweg zur Erziehung selbstständiger und demokratiefähiger Erwachsener sehen.

Rechte statt Pflichten

Ausgehend von Amy Chua wurden in der ansonsten hochinteressanten Diskussion erst mal Klischees bemüht. «Wollen wir unsere Kinder zu Leistungsrobotern drillen oder sie zu kreativen, aber orientierungslosen Erwachsenen machen?», fragte Moderator Koller. Einig war sich die Runde, dass Chua in ihrem Buch übertreibt, dass ihre Drill-Methoden als allgemeines Modell schädlich wären. Das Gute daran sei jedoch, so die chinesischstämmige Unternehmerin und Ärztin Andrea Degen, dass es sich für feste Strukturen, Disziplin und ehrgeizige Ziele starkmache, die im Westen mittlerweile verpönt seien. Ähnlich sieht es Kurt Haerri, Präsident Handelskammer Schweiz – China. «Als ich von China in die Schweiz kam, fiel mir auf, dass wir unsere Gesellschaft immer mehr mit Rechten regeln anstatt mit Pflichten. Hier muss man als Eltern immer alles begründen und verhandeln, weil wir Freiheit und Individualität sehr stark gewichten. In China ist das anders.»

Ulrike Poetter, Dozentin Akademie für Anthroposophische Pädagogik, Bildungsforscher Urs Moser und Kinderarzt Remo Largo halten vom beschriebenen chinesischen Drill wenig. Moser hält fest, dass er Chuas Buch vor allem deshalb mies findet, weil es ein schlechtes Licht auf das chinesische Bildungssystem werfe, das eben genau nicht nur auf blinden Drill fokussiert sei.

Welches Bildungssystem darfs denn sein?

Das sieht auch Degen so. Die chinesische Kultur lege mehr Wert auf das Kollektiv und weniger auf den Individualismus. «In China werden Kinder nicht verniedlicht, sondern man hat grossen Respekt, auch vor ihrer Eigenart. Das Kind ist Teil einer Sippe und Zukunft einer Sippe, entsprechend ist seine Beziehung zu Erziehungsberechtigten und Lehrpersonen respektvoll.» Remo Largo hingegen sieht den Fehler darin, dass zu starke Strukturen alle Kinder in dasselbe Schema pressten, wo doch das Tempo der kognitiven Entwicklung bei Kindern sehr unterschiedlich sei. «Disziplin erzeugt unselbstständige Menschen, die nicht mehr frei denken. Ist ein Kind ein Topf, den man beliebig füttern kann, oder bestimmt letztlich nicht das Kind, was es lernen kann? Die Frage ist: Welche Art von Erwachsenen will man am Schluss haben?» Schon jetzt, warnt Largo, werde in westlichen Schulen mit Noten und Lehrern eine Treibjagd auf die Schüler veranstaltet.

Die Frage ist, welche Art Bildungssystem man möchte. Kurt Haerri hält das chinesische Modell zwar nicht für eins zu eins übertragbar, ist aber als Unternehmer vom Willen zur Leistung der chinesischen Schüler fasziniert. «Für die ist der Drill ganz natürlich, sie sind deswegen nicht unglücklich.» Helmut Reichen, ehemaliger Rektor Gymnasium Interlaken, bemängelt, dass die Stichworte Leistung und Wirtschaft im Westen als Provokation ankommen. «Drill hat einen negativen Beigeschmack. Aber die chinesischen Schulen lernen auch von uns und versuchen, Elemente von uns in ihr Schulsystem einzuführen. Sie sind auf gutem Weg, nicht zu unserem System, aber weg von der extremen Form.» Ähnlich sieht es Moser. Er ist vor allem vom Erfolg des chinesischen Modells fasziniert, der sich auch in der Pisa-Studie zeigte: «Nur mit Drill wäre so etwas nicht zu erreichen. China hat sehr gute Lehrer und ein sehr gutes Bildungssystem.»

Eltern in die Pflicht nehmen

Wirtschaftlichkeit und Erfolg seien aber doch nicht die einzigen Kriterien, die es zu berücksichtigen gelte, sagt Poetter. «Wir Erwachsenen fragen uns nur immer, was wir jetzt brauchen. Dabei müsste man sich doch darüber Gedanken machen, welche Zukunft man für die heranwachsende Jugend gestaltet.» Dies könne man eben nur, wenn man ganz individuell auf die Kinder eingehe. «Wir müssen in die Eltern investieren, damit sie den Willen des Kindes jenseits des Zweckorientierten stärken können. Ich wünsche dem schweizerischen System nicht mehr Drill, sondern mehr Elternbegleitung.»

Doch auch dieser Einwurf muss nicht unbedingt ein Widerspruch zum chinesischen System sein, sagt Degen. Ihre Mutter habe ganz individuell auf die Fähigkeiten ihrer Kinder Rücksicht genommen und das habe sie gekonnt, weil sie eine sehr enge Beziehung zu ihnen hatte. Dennoch habe sie für jedes individuell eine hohe Messlatte gelegt und sei dann dahinter gestanden mit der Peitsche. Mit dem Wort «Peitsche» können die Reformpädagogen zwar nicht viel anfangen. Trotzdem ist man sich im Prinzip einig, dass es an den Eltern liegt, sich um Bildung und Erfolg ihrer Kinder zu kümmern. «Erziehung, so scheint es, ist vor allem harte Arbeit», hält Koller abschliessend fest. Darin zumindest sind sich alle einig. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 16.02.2011, 10:16 Uhr

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