TV-Kritik

TV-Kritik: Miss Absehbar

Die Miss-Schweiz-Organisatoren hatten versprochen, die TV-Wahl zu entstauben. An die Abmachung hielt sich jedoch nur einer.

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Weltfrieden – oder zumindest etwas in der Art –, das wünschen sich Miss-Kandidatinnen ja klassischerweise, wenn es darum geht, kurz vor Ende der Wahl noch ein paar Pünktli zu sammeln bei Jury und Fernsehpublikum. Die diesjährige Miss-Schweiz-Wahl sollte jedoch nicht klassisch werden, und vor allem nicht so langweilig wie in den Jahren zuvor. «Frecher, frischer, fitter» sei das Motto, sagte Moderator Marco Fritsche zur Begrüssung, beziehungsweise schrie er zur Begrüssung. Offenbar war der Appenzeller, der sonst Bauern verkuppelt, ein wenig nervös vor seinem grossen Samstagabend-Einsatz.

Glücklicherweise beruhigte sich Fritsche mit der Zeit, und es fiel ihm auch der eine oder andere Spruch ein, den man von einem Sven Epiney wohl kaum gehört hätte: «Das Publikum ist ein lahmer Haufen», sagte er nach wenigen Minuten. Später kokettierte er mit seiner sexuellen Orientierung: «Bei so vielen Frauen kann sogar ich aus dem Konzept kommen. Gott weiss, dass das schwierig ist.» Und kurz vor der Verkündung der Siegerin mutmasste er: «Dominiques Hund Muffin beisst sich vor Aufregung bestimmt fast in den Schwanz.» Marco Fritsche versuchte also zumindest, das Motto «Frecher, frischer, fitter» zu erfüllen.

«Soziale Projekte et cetera»

Zurück zum Weltfrieden. Kurz vor Ende der Wahl durften nun also auch die drei verbleibenden Miss-Schweiz-Kandidatinnen ihre Mission verkünden, sofern sie es denn bis zum Krönchen schaffen würden. Dominique Rinderknecht kündigte an, dass sie «soziale Projekte et cetera» unterstützen werde, Sara Wicki sagte, sie hätte sowieso eine soziale Ader und würde «die Liebe und Zuneigung, die ich bekomme, an alle weitergeben, die mich wählen», und Janine Baumann versprach, dass sie dafür sorgen werde, dass «heimatlose Tiere ein Zuhause bekommen». Bei diesen Antworten wünschte man sich den Weltfrieden herbei. Der wäre bei so viel Abgelutschtheit fast schon wieder originell gewesen.

Aber was hätte man nach fast zweieinhalb Stunden Langeweile anderes erwarten können. Die Show unterschied sich kaum von den vorangegangenen. Ausser, dass die Kandidatinnen keine Reise an einen schönen Ort unternommen hatten, von der wir attraktive Bilder ins Wohnzimmer geliefert bekommen hätten. Stattdessen gab es aufgewärmte Einspieler aus den Pre-Shows. Zudem gab es dieses Jahr viel mehr Werbeunterbrechungen. Dies, weil die Show auf Sat 1 Schweiz ausgestrahlt wurde und nicht wie bislang beim Schweizer Fernsehen, das die Wahl im April 2012 vom Sender verbannt hatte. Schliesslich heisst die Miss Amitié neuerdings Miss Best Friend und die Miss Photogénique ist jetzt die Miss Venus. Alles andere war praktisch gleich.

Viel versprochen, wenig erfüllt

Dabei hatten die Organisatoren alles anders machen und der verstaubten Wahl ein neues Konzept verpassen wollen. In den letzten sechs Wochen wurde wöchentlich eine Pre-Show à la «Germany's Next Topmodel» ausgestrahlt. Darin mussten die Missenanwärterinnen jeweils verschiedene «Challenges» bestehen, was einigermassen amüsant war, besonders, wenn wieder eine von ihnen in ein Fettnäpfchen tappte. Am Ende jeder Sendung musste die schlechteste Kandidatin ihre pinken Schalenkoffer packen. Aus «der grosse Traum», wie das Motto zur Miss-Wahl 2013 hiess.

Am Ende schafften es nur die besten zwölf Kandidatinnen ins Finale. Dieses jedoch ist selbst bei «Germany's Next Topmodel» jeweils eine Zumutung. Das musste sich wohl auch die ehemalige Gewinnerin Sara Nuru in der Jury gedacht haben. Die vielen Fans im Zürcher Hallenstadion johlten zwar brav, und ein zufällig ausgewählter Mann im Publikum versicherte, dass er «wirklich freiwillig» hier sei. Allerdings war das ziemlich zu Beginn der Show. Ob er nach den Durchgängen Bademode, Street Fashion und Abendkleid mit missglückter Choreografie sowie nach unzähligen Product Placements und Schaltungen in den Backstage-Bereich noch genauso überzeugend geantwortet hätte? Wohl kaum. Es gewann übrigens Miss Absehbar Dominique Rinderknecht aus Zürich, die allererste Miss Schweiz mit kurzen Haaren. Immerhin eine Neuheit. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 09.06.2013, 06:09 Uhr

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