TV-Kritik

TV-Kritik: Mord im Rich-Kid-Milieu

Der «Tatort» aus Dortmund wartet mit einem rasenden Hauptkommissar auf – und vergisst dabei, sich auf seine Stärken zu konzentrieren.

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Blutunterlaufen sind sie, die Augen des Hauptkommissars, der mitten auf einer Landstrasse steht und ins Leere starrt. Wer die ersten zwei Folgen aus Dortmund verpasst hat, versteht sein Trauma erst mit der Zeit: Frau und Kind hat er bei einem Autounfall verloren. Nun zertrümmert er Waschbecken und erbricht sich ins Kommissariatsklo, während er die wahren Umstände des Unfalls aufklären möchte. Und genau da liegt das Hauptproblem dieses «Tatorts»: Das private Schicksal des Kommissars reisst die gesamte Storyline an sich und ist dabei furchtbar überzeichnet. Das ist schade, weil Jörg Hartmann den Borderline-Ermittler Faber grandios spielt und diese Überdosis Drama gar nicht nötig hätte.

Eigentlich hätte er sich nämlich um eine Wasserleiche zu kümmern. Die trägt, obwohl aus prekären Verhältnissen, ein Designerkleid; hat aber zum Glück ihr Videotagebuch hinterlassen, das ihre pubertäre Zerrissenheit dokumentiert. So ist der Rest des Dortmunder Teams damit beschäftigt, den rasenden Kommissar in Schach zu halten und die Hauptverdächtigen zu verdächtigen: reiche Schnösel mit geschleckten Frisuren, die gerne Mädchen in glitzernden Kleidchen um sich scharen. Kommissar Faber macht derweil mit dem Vater des Opfers auf Kumpel, indem er ihm Polizeifotos seiner toten blutigen Frau und Tochter zeigt: «Ich weiss genau, wie Sie sich fühlen.»

Überfrachtetes Drehbuch ohne Fokus

Der junge Kollege Kossik (Stefan Konarske) interessiert sich vor allem für die halterlosen Strümpfe und den Glitzerfummel seiner Kommissarengeliebten Dalay (Aylin Tezel), als diese undercover im Rich-Kid-Club ermittelt. «Interessiert sich denn niemand dafür, was ich herausgefunden habe?», fragt sie entrüstet. Die Antwort ist: Nein, tatsächlich lässt es einen kalt, und zwar weil dem überfrachteten Drehbuch jeglicher Fokus fehlt.

Man möchte dem Dortmunder «Tatort» raten, sich auf seine Stärken zu konzentrieren: auf die Hauptkommissare Faber und Bönisch (Anna Schudt). Beide würden ihre Arbeit gut machen – wenn man sie nur liesse. Ihre Dialoge sind zackig und geistreich, und Bönisch ist wunderbar trocken, wenn sie dem selbstmitleidig am Boden hockenden Faber rät: «Stehen Sie auf, Sie verkühlen sich nur die Blase.» Doch auch ihr drängt man überflüssigerweise wieder den Callboy aus der Folge davor auf. Auch wenn sie ihn geistesgegenwärtig wieder abbestellt: Da ist der Plot längst ebenso erstickt wie die Wasserleiche.

Erstellt: 18.11.2013, 07:37 Uhr

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