TV-Kritik

TV-Kritik: Moscheen, Muschg und Brandstifter Sarrazin

Deutschlands Held und Staatsfeind Nummer 1, Thilo Sarrazin, war gestern im «Club» zu Gast und brachte Moderatorin Christine Maier sowie Adolf Muschg fast zum Verzweifeln.

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«Wenn die Geburtenrate der Zuwanderer weiterhin ansteigt, werden beim Vierwaldstättersee eines Tages überall Moscheen stehen und Brasilianer herumwandern.» Sätze wie diesen hätte man von einem wie Thilo Sarrazin gestern im «Club» erwartet. Der Satz kam, jedoch erst fünf Minuten vor dem Ende der Sendung.

Ansonsten versteckte sich Deutschlands derzeitiger Lieblingsprovokateur hauptsächlich hinter Statistiken über Geburtenraten, die Fruchtbarkeit von Immigrantinnen oder Ausländeranteile, was Christine Maier fast zum Verzweifeln brachte. Sie versuchte ihn mit Zuspitzungen aus seinem Buch «Deutschland schafft sich ab» aus der Reserve zu locken. Dieses hat in Deutschland einen riesigen Wirbel ausgelöst und unter anderem den Zorn von Angela Merkel auf sich gezogen. Im Sachbuch, das eine Million Mal verkauft wurde – Rekord seit 1945 – steht unter anderem, dass die muslimische Bevölkerung wegen der besonderen Fertilität rasant zunehme und es einen Zusammenhang gebe zwischen Geburtenrate und Bildungsstand. Auf den Buchdeckel hat Sarrazin geschrieben: «Ich will mich nicht damit abfinden, dass die Deutschen immer älter und weniger werden, sondern auch immer dümmer und abhängiger von staatlichen Zahlungen.»

Adolf Muschg wollte explodieren

Gestern hütete sich der deutsche SPD-Politiker jedoch vor provokanten Äusserungen (anders als in deutschen Medien) und erklärte stattdessen, dass es mit dem Bücherschreiben sei wie im Film. Es müsse Stellen geben, die still seien, zwischendurch müsse aber auch mal ein kleiner Schuss fallen. «Das versuche ich auch gerade», klagte Maier, vielleicht schon ahnend, dass der exklusive Gast heute Abend nicht dasselbe Feuerwerk zünden würde, wie in Deutschland.

Da nützte es auch wenig, dass der Schriftsteller Adolf Muschg alle 20 Minuten ankündigte, er werde gleich streiten mit Sarrazin, er brause bald auf oder er müsse jetzt «ein bisschen explodieren», um es dann doch nicht zu tun. Zwar versuchte er Sarrazin zwischendurch mit Hilfe von Goethe oder Hegel die Stirn zu bieten, meist hörte er der Diskussion jedoch still und scheinbar resigniert zu.

«Gutmenschen wurden nie erwachsen»

Die erhofften Provokationen blieben also aus. In diese Bresche versuchte der Bieler Reallehrer Alain Pichard zu springen. Er habe schon vor vier Jahren eine Mini-Sarrazin-Debatte in der Schweiz ausgelöst. Damals hat Pichard in der «Weltwoche» die wahren Übeltäter der Integrationsproblematik benannt: die Türken, Albaner und Brasilianer. Auch gestern im «Club» wetterte er mit Pauschalisierungen, die man sonst hauptsächlich von SVP-Seite gewohnt ist. Konkrete Erklärungen oder relevante Beispiele aus seinem Schulalltag, wo die Integration völlig versage, konnte er trotz mehrfacher Aufforderung Maiers keine nennen. Stattdessen verzettelte er sich mit seinem «4-Phasen-Reduit-Denken der Linken», oder mit Ausschweifungen über fünf Punkte, mit denen ein muslimischer Einwanderer in der Schweiz den Durchbruch schaffen könne.

In Sarrazin fand Pichard jedoch einen Gleichgesinnten. Beide waren sich einig, dass Integrationsprogramme ein absoluter Irrweg seien, da den meisten Muslimen sowieso der Integrationswille fehle. Man müsse endlich einsehen, dass man die Welt mit Geld nicht retten könne. Doch, so bemerkte Sarrazin: «Permanente Gutmenschen haben nie gelernt, die Wirklichkeit anzuerkennen. Sie wurden nie erwachsen. Mit solchen Leuten umzugehen, ist immer schwer.» Von den so genannten «Gutmenschen» in der gestrigen Runde gab es wenig Gegenwehr. So blieb die Diskussion meist lau.

Die ursprüngliche «Club»-Frage, ob sich die Schweiz wie Deutschland nun auch abschaffe, konnte gestern nicht geklärt werden. Zu viele Zahlen, zu lange Ausschweifungen, zu viel Aufgewärmtes verschwendeten die Sendezeit, so dass Christine Maier sie erst fünf Minuten vor Schluss stellen konnte. Das spielte jedoch keine grosse Rolle, denn für die Diskussionspartner aus der Schweiz schien die Frage sowieso kein Thema zu sein. Und Sarrazins Antwort kennen wir ja nun.

Erstellt: 03.11.2010, 08:27 Uhr

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Die Provokationen des Thilo Sarrazin

Die Provokationen des Thilo Sarrazin Die umstrittenen Aussagen des abtretenden Bundesbank-Vorstands.

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