TV-Kritik: SF hinters weisse Licht geführt

In der Doku «Jenseits retour» begleitete das Schweizer Fernsehen drei Personen mit Nahtoderfahrungen. Es war wirklich eine gruslige Sendung.

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Es war fast vorbei für Hans Fickler, nachdem er versehentlich eine Überdosis Schmerzmittel zu sich genommen hatte. Im Nachhinein beschreibt er den Moment seines Nahtodes als «vollkommene Glückseligkeit, ein Schweben in hellen Strahlen und Musik – als würde einem jemand Licht auf die Seele tätowieren.» Die seltsame Episode stammt nicht etwa aus einem Groschenroman, sondern aus der SF-Doku «Jenseits und Retour». Die Journalistin Nicole Vögele befasst sich darin mit drei Personen, die ein Nahtoderlebnis hatten.

Neu ist das Thema nicht. Immer wieder berichten Menschen, etwa nach einem Herzstillstand, von erstaunlichen Eindrücken: von Lichtern, Tunneln, Musik, vom Verlassen des eigenen Körpers. Einige glauben, in einer Zwischenwelt verstorbene Verwandte oder Freunde getroffen zu haben. So auch Hans Fickler, der nach seinem Nahtod-Erlebnis vor fast 50 Jahren zu träumen begann. Der heute 78-Jährige sieht Landschaften und Gegenstände, die ihn schliesslich in die USA führten, wo er glaubt, schon einmal gelebt zu haben.

Rückkehr aus dem Licht

Der Film begleitete Fickler auf seiner Reise in die Staaten und zeigte den Rentner «vor seinem eigenen Grab». Das ist natürlich eine tolle Szene. Aber wie glaubwürdig ist ein alter Mann, der sich gegen Ende seines Lebens auf die Suche nach einem tieferen Sinn begibt? «Nahtoderlebnisse sollte man stets sehr ernst nehmen», sagte Walter von Lucadou, Physiker und Psychologe: «Weil sie das Leben der Betroffenen auf den Kopf stellen.» Die Dokumentation verstand sich denn auch als Bericht über drei «Lebensgeschichten, die alle mit der Rückkehr aus dem Licht beginnen.»

Eine solche weist auch Emma Otero auf. Während der Geburt ihrer Tochter verlor sie viel Blut und machte eine Nahtoderfahrung der düsteren Art. Eine Vision, in der sie eine junge Person sieht, die vermisst wird und halbnackt am Boden liegt. 20 Jahre später bewahrheitet sich die Vorahnung. Oteros Tochter hat eine Hirnblutung, fällt ins Koma und stirbt alleine in ihrer Wohnung. Heute, drei Jahre nach der Tragödie, geht es Frau Otero besser denn je. «Sie musste die Tochter verlieren, um ihre Freiheit zu gewinnen», hiess es im Film etwas pathetisch. Frau Otero selbst sagte: Das Schicksal lässt sich nicht ändern – auch wenn man weiss, was passiert. Wenigstens sei sie sicher, dass ihre Tochter in der «anderen Dimension» gut aufgehoben ist.

Gruslige Musik

Laut Psychologe Walter von Lucadou (bei dem die Doku zu erwähnen vergass, dass er in erster Linie ein bekannter Parapsychologe ist) handelt es sich bei solchen Erlebnissen um eine «Verschränkungskorrelation»; das Hirn sei «auf eine andere Weise» als uns bekannt ist, mit unserer Umwelt verbunden. Wirklich belegt oder gar bewiesen hatte er damit zwar nichts. Doch er gab auch nicht vor, eine Antwort parat zu haben. Legt unser Bewusstsein eine Art quantenphysikalisches Verhalten an den Tag, sprich, kann es sich gleichzeitig an verschiedenen Orten aufhalten? Auf solche Fragen hätte man sich die eine oder andere wissenschaftliche Stimme gewünscht. Man muss die zugegeben unterhaltenden Anekdoten ja nicht gleich mit einem hohen Kohlendioxidgehalt im Blut, wie er bei vielen Nahtoderlebnissen nachweisbar ist, zunichtemachen. Aber auch ob es religiöse, mystische oder psychologische Einflüsse gibt, die bei Berichten von solchen Erlebnissen zu berücksichtigen sind, hätte einen interessiert. Stattdessen wurden die Geschehnisse mit Harfengezupfe unterlegt, das wohl spirituell klingen sollte. Da packte einem dann – um es mit Mani Matter zu sagen – tatsächlich ein metaphysisches Gruseln. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 01.10.2010, 09:05 Uhr

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