TV-Kritik

TV-Kritik: Schweizer Braveheart in der Bredouille

Der erste Teil der vierteiligen Doku-Fiction «Die Schweizer» erzählte von Morgarten und dem Landammann Werner Stauffacher. Sentimentale Dramatik traf auf einen mythologischen Cliffhanger.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Das SRG-Projekt «Die Schweizer» («Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir?») ist eine hochgemute, verdienstvolle, gesamtnationale Unternehmung und hatte doch bereits so viel auszuhalten. Die noch nicht ausgestandene Debatte hat alles kleiner gemacht, als es ist, weil sie es reduzierte auf jene vier mit der grossen Kelle angerichteten Dokufiktionen des Schweizer Fernsehens, welche Geburt und Entwicklung einer Nation aus dem Geist der heroischen Handarbeit beschwören. Noch bevor der Schwyzer Landammann Werner Stauffacher dran war, der erste Heros im dramatisierten Prozess einer eidgenössischen Gründungsgeschichte, war der Deckel vom historischen Kessel genommen; und es roch etwas muffig und nationalkonservativ: nach hochkochendem Seelenadel und individuellem Heldentum und nach der Freiheit als Männerwerk.

Eine entspannte Besichtigung des Stauffacher-Films (Regie: Dominique Othenin-Girard) ergab aber: Es ist alles gar nicht so schlimm. Und andererseits: Es ist alles noch ein wenig schlimmer.

Es geht in diesem ersten Teil um die Jahre 1313 bis 1315, nämlich um die Zeit kurz vor dem Schwyzer Plünderungszug gegen das Kloster Einsiedeln bis zum Heerzug des Herzogs Leopold von Habsburg gegen die Waldstätter, der ja dann bei Morgarten im Aegerisee geendet haben soll. Tadellos sortiert sind Fakten und Motive einer Schwyzer Krise, in deren Zentrum der Landammann Stauffacher von Amts wegen stand: Marchenstreit mit dem Kloster, habsburgische Begehrlichkeit, deutscher Thronstreit zwischen Bayern und Habsburg, Reichsacht und Kirchenbann über Schwyz, nicht zu vergessen die Interessen des lokalen Adels, und am wenigsten scheint es da insgesamt um einen pathetischen eidgenössischen Freiheitsbegriff gegangen zu sein.

Ästhetische Falle des Reenactment

So weit ist das alles korrekt und auch frauenpolitisch nicht zu beanstanden. Denn gar nicht so schlimm ist es, weil es im erzählerischen Umgang mit Stauffacher (Michael Neuenschwander), dem Mann, von dem man ja kaum etwas weiss, weit weniger viril dampft als etwa in einem Spielfilm wie «Braveheart», den die Schotten wie ein beweiskräftiges Dokument in ihren Unabhängigkeitsmythos integrierten.

Hier liegt aber auch das schlimmere Problem von Form und Inhalt des eidgenössischen Unternehmens. In der skeptischen Unnaivität, mit der sozusagen das Geschäft einer historischen Naivität betrieben wird.

Man würde die Hand dafür ins Feuer legen, dass die verantwortlichen Realisatoren (Drehbuch: Christa Capaul) ein Bewusstsein hatten von der Überständigkeit eines Ansatzes, der Geschichte definiert als das, was sich bewegt durch die Entscheidung von Entscheidungsträgern. Sie mussten einfach wissen, dass ihnen der geschichtswissenschaftliche «state of the art» um die Ohren fliegen würde. Und sie haben sich ja Mühe gegeben, ein gradliniges Heldentümeln in den Kulissen der Interlaker Tellspiele einzubetten ins mittelalterliche Grosse und Ganze: in die Glaubensatmosphäre einer Zeit, in die europäische Geopolitik, sogar in die alpenländische Ökonomie.

Aber sie sassen halt doch in der ästhetischen Falle des Reenactment. Weil diese Art von Kostümfernsehen nun einmal zu einer sentimentalen Dramatik neigt, die sich im vorliegenden Fall so äussert: «Die Frauen bereiten sich auf die Flucht in den nahen Wald vor, die Männer bewaffnen sich, und auf ihm ruhen alle Hoffnungen: dem sagenhaften Landammann Werner Stauffacher. Kann er seine Leute retten?» Sehr viel schwerer tut sich die filmische Fantasie mit der Epik wechselnder Perspektiven, in denen dann auch ein Gotthard-Säumer eine historische Stimme wäre und nicht nur ein Statist der «historical correctness».

Mythologischer Cliffhanger

So fürchterlich unentschlossen wirkt das Geschichtsbild dieses Stauffacher-Films, dass es eigentlich gar keins mehr ist. Man sagt es nicht gern, aber der Wunsch nach Leopold Lindtbergs «Landammann Stauffacher» von 1941 hat sich stark geregt. Heinrich Gretler lebte dort noch in der reinen Unschuld des Pathos, jedoch er lebte, und Ellen Widmann humpelte als alte Stauffacherin eine Treppe herunter und tat dem grossen Sohn derart die Knöpfe ein, schweizerisch gesagt, dass die Schweizer Frau geradezu militante Gestalt gewann.

Und wiederum andererseits: Das Feinste am ersten Teil von «Die Schweizer», dessen heftig kolorierte Kostümfreude auch Vergnügen macht, ist sein mythologischer Cliffhanger. Er lässt die Frage offen, ob die Schlacht am Morgarten, an die jedes Kind glaubt, wirklich stattgefunden hat. Es ist überhaupt viel von konstituierenden Mythen die Rede. Sodass die Erzählung vom Stauffacher vielleicht weniger als «Geschichte» zu betrachten wäre, sondern als Reflexion über die Wirkungsgeschichte einer zur Wirklichkeit geronnenen Fiktion. Das wäre eine sehr ernsthafte ironische Leistung des Schweizer Fernsehens.

Und wäre dann, so betrachtet, das Engagement des vormals als Dieter bekannten Max Moor als Off-Sprecher nicht die allerfeinste Pointe? Das ist der Mann, der letztes Jahr noch seinen Pass abgeben wollte und die Schweizer als Idioten bezeichnete. Jetzt bebt seine Stimme vor gepresstem Patriotismus; und das beweist jedenfalls, dass SRF keine nationalistische Rachsucht kennt. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 07.11.2013, 21:06 Uhr

Artikel zum Thema

Der Wille zum Mann

Analyse Eine Porträtreihe von SRF soll uns grosse Schweizer Männer nahebringen. Bedeutende Frauen gab es angeblich keine. Mehr...

Wenn Feministinnen Geschichte schreiben

Analyse Die Aufregung um die allein mit Männern besetzte SRF-Geschichtsserie «Die Schweizer» ist gross. Das Gute daran: Die feministische Perspektive ist notgedrungen ein Blick auf Unterdrückung und Ausbeutung. Mehr...

Dossiers

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Rochen statt Rentier: Ein als Weihnachtsmann verkleideter Taucher gesellt sich zu den Bewohnern des Ceox-Aquariums in Seoul. Südkorea ist das einzige ostasiatische Land, das Weihnachten als nationalen Feiertag anerkennt. (7. Dezember 2018)
(Bild: Chung Sung-Jun/Getty Images) Mehr...