TV-Kritik: Teenies auf dem Bürotisch

Party machen, Saufen und vor allem «Figge» – eine neue Dokusoap auf 3+ will uns zeigen, wie frivol die Jungen von heute offenbar ihre Freizeit verbringen.

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Gabriel, 19, kommt aus Basel und ist einer, der gerne lange und in verschiedensten Stellungen «figget». Ideal sind eineinhalb Stunden, am geilsten sei es auf dem Bürotisch. Ausser neulich, da war er schon nach einer Stunde fix und fertig. Aber da hatte er ja auch Zwillinge im Bett und wusste auch nie genau, welche er schon rangenommen hatte.

Kasi aus Luzern machts auch gerne. Bis vor zwei Wochen mit der scharfen Susi. Seither hatte er auch schon andere. Und während der Beziehung mit Susi auch. Eine davon ist nun schwanger. Das sei wohl seine Strafe fürs Fremdgehen gewesen, meint Kasi. Er sei voll am Arsch, aber egal, heute Abend soll es wieder mal knallen. Am besten mit Susi, denn Sex mit der Ex, das sei sowieso das Beste. Und für die Zukunft hat er sich ein neues Motto ausgedacht: Von nun an lieber nach Hause gehen und wichsen, statt eine zu schwängern.

Viel Haut und noch mehr Piep-Töne

Das ist also das wahre Leben der Teenies von heute. Zumindest versucht uns das die neue Dokusoap «Jung, wild & sexy – baggern, saufen, Party machen» auf «3+» weiszumachen. Gleich nach der heilen Welt von «Bauer, ledig, sucht» sind wir also mittendrin, wenn zwei Aargauer Landknechte sich gegenseitig die Haare mit Gel zukleistern, um gut auszusehen für die Mädels an der Schaumparty, wenn sich eine Luzernerin in ein sehr kleines Schwarzes zwängt mit praktischem Reissverschluss von der Brust bis knapp übers Höschen, wenn drei Basler übers «Figge» sprechen und man dabei vor lauter Piep-Tönen fast nichts mehr versteht.

Ach du meine Güte! Waren wir auch mal so? Wie alt sind die? Das hat der nicht eben gesagt, oder? Wissen die Eltern, was ihre halbnackten Töchter und saufenden Söhne da vor laufender Kamera tun? Fragen wie diese gingen einem bei der neuen Dokusoap «Jung, wild & sexy – baggern, saufen Party machen» nicht nur ein Mal durch den Kopf. Bei so viel halbstarkem Geschwafel, so viel Weiberdrama und aus der Kontrolle geratenen Hormonen war man für einmal froh um die vielen Werbepausen. Den Teenagern jedoch schien alles ernst zu sein, ganz im Gegensatz zur Erzählstimme aus dem Off, die es nicht verkneifen konnte, sich über die Protagonisten lustig zu machen. Etwa, als die drei Möchtegernaufreisser aus Basel trotz super Anmachtaktik auf der Tanzfläche böse abblitzten.

Frau mit Bauland gesucht

Tatsächlich war es zwischendurch durchaus amüsant, obwohl der Sendung insgesamt die Dramaturgie fehlte und teilweise gar allzu arg geschauspielert wurde. Herrlich war, als der Aargauer mit der Gelfrisur seinem Kollegen erklärte, dass er auf eine Freundin verzichten könne, die Geld vom Papi habe. Schliesslich könne es vorkommen, dass dieser sterbe, die Mutter dann das ganze Geld abkassiere und er nichts davon sehe. «Bauland ist viel mehr wert. Das kannst du immer noch verkaufen. Da kannst du mit Millionen rechnen.» Aha.

Nicht ganz klar ist dagegen, wen «3+» mit der Dokusoap ansprechen will. Obwohl es nächste Woche mit einer Beinaheprügelei weitergeht und Kasi mit der Susi im kleinen Schwarzen von der Party abzieht, dürfte sich das Bedürfnis von Erwachsenen nach einer Fortsetzung in Grenzen halten. Und die Teenies von heute sind ja offenbar zur Sendezeit um 22 Uhr entweder mit Party, Saufen oder mit Sex beschäftigt.

Übrigens, der ausdauernde Gabriel, dem nicht einmal Zwillinge zu viel sind, ging früh und alleine von der Party nach Hause, obwohl er eigentlich mindestens drei Weiber hätte abschleppen wollen. «Ich bin schon voll kaputt, ich kann nicht mehr, mein Bein tut weh.» Der Bürotisch darf heute Bürotisch bleiben. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 21.10.2010, 11:57 Uhr

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