TV-Kritik

TV-Kritik: Über Bananenrepubliken

Der zweite Teil der Doppelfolge des «Tatorts» aus Hannover führte Kommissarin Charlotte Lindholm nach Weissrussland. Das war oft des Guten zu viel.

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Der erste Teil der «Tatort»-Doppelfolge aus Hannover brachte mit fast elf Millionen Zuschauern die höchste Einschaltquote für Maria Furtwängler in zehn Jahren als «Tatort»-Kommissarin. Im Poll von Tages-Anzeiger.ch/Newsnet gaben über die Hälfte der Leser die Bestnote. Die Kritiken in Deutschland waren gemischt, es interessierte vor allem der reale Hintergrund der Geschichte mit den Sexpartys des Versicherungskonzerns Ergo und den Mischlereien in Hannovers Elite, zu der neben anderen Ex-Bundespräsident Christian Wulff und AWD-Gründer Carsten Maschmeyer gehören – die Figur des Immobilienhais Kaiser ist denn auch stark an letzterem angelehnt. Es hiess sogar, dass die Rechtsabteilung des produzierenden Senders NDR einige Passagen entschärft hätte, um Klagen zu entgehen.

Für den zweiten Teil wurde einiges versprochen: Kommissarin Charlotte Lindholm sollte die abgeschlossenen Ermittlungen aus dem ersten Teil wieder aufnehmen und von einer Expedition nach Weissrussland nicht weniger als «die Wahrheit über Hannover und über sich selbst» mitbringen. Die Schweizer Zuschauer mussten dies allerdings auf SF 2 schauen, da das Schweizer Fernsehen für diesen Sonntagabend auf seinem ersten Kanal die Übertragung des «Credit Suisse Sports Award» eingeplant hatte.

Von einer Bananenrepublik in die nächste

Weil der im ersten Teil verhaftete Mörder des «Wegwerfmädchen» im Knast umgebracht wurde, sah Lindholm die Gelegenheit, dessen Auftraggebern auf die Schliche zu kommen. Zusammen mit der Kripo-Kommissarin Carla Prinz (stark gespielt von Alessija Lause – sie wäre eine echte Option für eine dauerhafte Besetzung als Lindholms Partnerin) ermittelte sie wiederum im Rocker- und im Reichen-Milieu, mit allen möglichen Tricks und Provokationen, oft genug an der Grenze des Erlaubten.

Die endgültige Auflösung brachte allerdings erst ihre Reise nach Weissrussland, wo sie wie durch ein Wunder auf ihren Freund Jan traf, der sie aus einer brenzligen Situation rettete. Dass dieser, der idealistische Journalist, schon lange am schmierigen Immobilienhai Kaiser dran war, erfuhr Lindholm erst im Laufe der Folge. Auch dank seiner Hilfe konnten die Haupttäter gefasst werden. Kaiser, der alles zusammenhielt, aber nicht an den Misshandlungen der Zwangsprostituierten beteiligt war, konnte nicht verhaftet werden; dank Jans in einem Magazin veröffentlichten Recherchen musste er sich aber auf eine neue Situation einstellen.

Er beklagte sich in der pathetischen Schlussszene, dass mit Lindholm eine kleine Beamtin ihn, den steuerzahlenden Leistungsträger, fertigmachen wollte. Nicht nur hier wurde gegen neoliberale Ideologie und amerikanisch geprägtes Hochjubeln der Reichen als «job creators» geschossen. Einer der Haupttäter, der biedere Politiker Rühmkopf, sagte in einem Interview den Satz: «Wir sollten doch endlich aufhören, die Altersvorsorge vom Staat regulieren zu lassen.» Eine von ihm durchzuboxende Gesetzesänderung zugunsten von Kaisers Firma war auch Auslöser des gesamten Falls.

Unwahrscheinliche Zufälle und Ungereimtheiten

Nach dem packenden und unter die Haut gehenden ersten Teil überspannte der zweite Teil der Doppelfolge den Bogen ein wenig. Vieles wirkte überdreht und konstruiert und von unwahrscheinlichen Zufällen abhängig. Es blieben auch einige Ungereimtheiten: Warum machte Lindholm aus dem Nichts heraus Schluss mit Jan? Warum liess Kaiser Jan immer noch so nahe heran, nachdem er gemerkt hatte, was dieser im Schilde führte? Was für eine Rolle spielte der Redaktionsleiter von Jan? Warum muckte der inhaftierte Mörder im Knast plötzlich auf, nachdem er zuvor ein devoter Höfling des Rockerkönigs war?

Problematisch war auch, wie Weissrussland als verkommenes Land dargestellt wurde, wo die gute Deutsche hinging, um den einfachen Leuten in einem abgelegenen Dorf persönlich zu helfen gegen den korrupten Staat und mafiöse Organisationen. «Das hier ist Deutschland und nicht irgendeine Bananenrepublik», sagte der Redaktionsleiter von Jan einmal in Hannover. Doch welches die wahre Bananenrepublik ist, Deutschland oder Weissrussland, blieb offen.

Ist das die Wahrheit über Hannover? Der «Tatort» zeichnete ein düsteres Bild seiner Stadt, die offenbar von Rockerbanden terrorisiert und von korrupten Perverslingen geleitet wird. Die idealistische Kämpferin Lindholm schaffte es aber mithilfe von zwei anderen idealistischen Kämpfern, ihrer Kollegin Prinz und ihrem Liebhaber Jan, dem entgegenzutreten; dass es schwierig bleiben würde, bewiesen die zum Schluss unter ihrem Fenster vorbeibrausenden Rocker.

Erstellt: 16.12.2012, 23:51 Uhr

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