TV-Kritik

TV-Kritik: «Und so jodeln sie gegen den Druck an»

Ein ZDF-Beitrag im «Heute journal» sagt, das Negativ-Image kratze am Schweizer Selbstbewusstsein. Dabei werden die typischen Schweizer Klischees gezeigt, um die These zu untermauern.

«So sieht sich die Schweiz am liebsten: Nation gewordene Nettigkeit»: Der Kommentar im «Heute journal»-Beitrag von gestern Abend.

«So sieht sich die Schweiz am liebsten: Nation gewordene Nettigkeit»: Der Kommentar im «Heute journal»-Beitrag von gestern Abend. Bild: Screenshot Tagesanzeiger.ch

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«Ein skandalöser Beitrag im ZDF-‹Heute journal› über die dummen Kuhschweizer», empörte sich gestern Abend der TeleZüri-TV-Mann Markus Gilli auf Twitter. Grund für den Ärger ist ein Beitrag im öffentlich-rechtlichen Fernsehkanal über das zerstörte Selbstbild der Schweizer. Denn Negativschlagzeilen zum Bankgeheimnis und zur Korruptionsaffäre rund um die Fifa belasteten unser aller Selbstbewusstsein, kündigt TV-Moderator Claus Kleber den Beitrag des Journalisten Christian von Rechenberg an. Was dann folgt, sind ein paar schöne Videosequenzen von festlich geschmückten Kühen, der Zürcher Bahnhofstrasse und einem Käser bei der Arbeit.

«So sieht sich die Schweiz am liebsten: Nation gewordene Nettigkeit, feinste Schokolade, edle Uhren und grosse Ingenieurskunst», glaubt der ZDF-Journalist von Rechenberg über uns zu wissen. Unterlegt ist die Szenerie mit urchiger Ländlermusik. Man wolle etwas ganz Besonderes sein und sich aus allen Konflikten raushalten, das sei die Logik eines kleinen Staates, sagt der Journalist.

«Die Reflexe eines Ertappten»

Unterstützt wird er in seinen Aussagen vom Schweizer Schriftsteller Alex Capus, der dem Publikum erklärt, warum wir Schweizer die sanften Töne mögen: «Das liegt meines Erachtens daran, dass wir diplomatisch immer Samthandschuhe tragen, weil wir diese in den letzten Jahrhunderten nie ausziehen mussten. Wir sind ja von allen Kriegen verschont geblieben», so Capus.

Doch nun werde es laut in der Schweiz, kommentiert von Rechenberg. Wegen der Steueraffäre schockten unsere Politiker mit scharfen Worten und Blatter gehe im Fifa-Skandal auf Deutschland los. Capus meine dazu, zitiert der ZDF-Journalist, diese ganz und gar undiplomatischen Reflexe seien der Empörung des Ertappten zuzuschreiben. Die Schweiz befinde sich in einer Phase des Umbruchs, sagt Capus. «Wir haben jahrzehntelang davon gelebt, dass wir eben die Verschonten waren», und weiter: «Es war immer ein grosser Vorteil, Schweizer zu sein. Und plötzlich dreht sich das, es wird ein wenig zum Makel, wenn man den roten Schweizer Reisepass vorzeigt», glaubt er zu wissen. Es sei für die Schweizer schwierig und schmerzhaft, sich daran zu gewöhnen, dass man eine ganz gewöhnliche Nation sei, so Capus.

«Ein bisschen Trotz, ein bisschen Wilhelm Tell»

Das seien die Geburtswehen einer neuen Gesellschaft, die Stellung beziehen müsse und doch lieber in Deckung bleibe, findet von Rechenberg. Ein Rückzug in die gute alte Zeit sei zu beobachten, ist der Journalist überzeugt. Deswegen jodle man wieder mehr und das Brauchtum lebe auf. Und weiter: Wer die Schweiz verstehen wolle, müsse aus den Bergen heraus denken, denn die Schweizer hätten eine Burgen-Mentalität. Um diese These zu festigen, holt er den Historiker Peter Keller vor die Kamera. «Der Schweizer neigt dazu, dass er nicht gerne Vorschriften oder Befehle erhält – nicht von aussen, aber auch nicht von oben», sagt er im Interview. Was er als aussen und oben bezeichnet, lässt der TV-Beitrag allerdings offen.

«Und so jodeln sie an gegen den Druck, der da von allen Seiten kommt», kommentiert von Rechenberg das Bild eines Jodelchörlis. Es sei «ein bisschen Trotz, ein bisschen Wilhelm Tell», meint er weiter. «Wenn es um diese CD’s geht, würde ich sagen, dass die Schweizer natürlich wissen, dass es nicht in Ordnung ist, wenn man Steuern hinterzieht oder dazu Beihilfe leistet», attestiert der Schriftsteller Capus den Schweizern zumindest ein Schuldbewusstsein. Aber in Grunde sei dem Durchschnittsschweizer das Bankgeheimnis «eh egal», zitiert von Rechenberg den Schriftsteller, er wolle sich nur nicht schämen müssen, wenn er diesen Sommer in die Ferien fahre.

Erstellt: 23.07.2012, 11:39 Uhr

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