TV-Kritik: Vier Hochzeiten und eine Schweizer Kommentatorin

Die Hochzeits-Dokusoap «4 Hochzeiten und eine Traumreise» auf Vox fährt mit Torten in Kutschenform auf. Es war dennoch mehr eine Übung in Multikulti als Romantik.

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Am schönsten Tag im Leben sollte es kein Haar in der Suppe haben. Dafür sorgt die Schweizer Hochzeitsplanerin Evelyn Schärer, die für die Hochzeitsshow «4 Hochzeiten und eine Traumreise» aus dem Off kommentiert, ob die Brautkleider sitzen, die Locations stimmen und die Servietten ordentlich gefaltet wurden, und zwar, wie sie selbst verspricht, «als Hochzeitsplanerin objektiv und als Frau ganz persönlich». Nur als eine Kandidatin tatsächlich ein Haar im Hochzeitsmahl entdeckt, bleibt der Hochzeitsexpertin die Spucke weg: Sie hält ein Schild mit der Aufschrift «Ohne Worte» in die Kamera. Wortreicher fällt ihr Statement zum weiblichen Heiratsantrag aus: «Der Mann wird immer Ja sagen. Der Mann will doch nicht alleine bleiben! Eine Frau überlegt sich natürlich, ob sie sich für immer an einen Kerl binden will, da müssen wir halt manchmal länger warten.» Spätestens dort fragt man sich, ob die Hochzeitsplanerin das versprochene persönliche Statement als Frau nicht lieber weggelassen hätte.

Gastbräute und ein Punktesystem

Das Format «4 Hochzeiten und eine Traumreise» auf dem deutschen Privatsender Vox startete im Dezember 2012 und ist nach dem gleichen Muster gestrickt wie die erfolgreichen Vox-Sendungen «Das perfekte Dinner» oder «Shopping-Queen»: Ein Kandidat bzw. eine Kandidatin für jeden Tag der Arbeitswoche, die Teilnehmer stehen miteinander im Wettstreit und jurieren sich gegenseitig; und am Finaltag werden die Gewinner bekannt gegeben, die sich in diesem Falle auf ihrer Hochzeitsreise nach Mauritius glücklich flittern dürfen. Davor gilt es allerdings in den Kategorien Zeremonie, Location, Essen und Stimmung zu punkten; die teilnehmenden Bräute beurteilen jeweils als «Gastbräute» jedes Detail der Konkurrenzzeremonien: vom Grad der Rührung der Braut bis zur Anzahl der Zuckermandeln im Gastgeschenk.

Die Hochzeit am TV und auf der Leinwand wurde schon immer als Quotenbringer eingesetzt: So heiratete bereits 2005 Pop-Sängerin Sarah Connor auf Prosieben unter der Fuchtel eines eifrigen Wedding Planners im Doku-Soap-Quotenrenner «Sarah and Marc Crazy in Love», und praktisch alljährlich kommt eine Hochzeitskomödie ins Kino, wie jüngst «The Big Wedding» mit Robert DeNiro und Amanda Seyfried, welche quasi zur Grundausstattung des Genres gehört. Vor dem Altar wird mit der ganz grossen Gefühlskelle angerührt und die Momente der kalten Füsse und endgültigen Versprechen bis aufs Letzte ausgereizt. Das zieht: 0,56 Millionen Zuschauer verfolgten laut Vox Mitte Juni den von 16 bis 17 Uhr ausgestrahlten Kampf der Bräute, das sind rekordmässige 6 Prozent aller Fernsehzuschauer. Doch wie schmeckt diese Instant-Hochzeitssuppe?

Die arabische Säbelgeschichte

Selda, Aylin, Nadine und Jessica heissen die Bräute dieser Woche, sie sind sehr jung (20) und «in Elternzeit» (Jessica) oder ein bisschen weniger jung (24) und Verkäuferin (Aylin), und sie wählten Hochzeitsmottos wie «Hochzeit in letzter Minute», «Multikulti», «Traum in Flieder» oder «Kulturelle, königliche Hochzeit», wie die jüngste Braut Jessica. Sie versteht ihre Teilnahme gar als Mission, den Zuschauern die verschiedenen Kulturen näherzubringen: schliesslich werden Griechen, Russen, Italiener und Deutsche unter ihren Gästen sein. Überhaupt scheint Multikulti diese Woche Programm zu sein, was Hochzeitsplanerin Schärer wie folgt kommentiert: «Die deutsche Hochzeit ist ja hier eher die exotische Hochzeit.»

Bei so viel kultureller Offenheit könnte einem glatt das Herz aufgehen, doch für Nadine, die einzige deutsche Braut im Bunde, soll es zu viel der Kulturen dann eben doch nicht sein: Der Auftritt der türkischen Folkloretanzgruppe ist ihr eindeutig zu viel. Und auch für Konkurrenzbraut Selda, ebenfalls Türkin, mutet die Performance eher nach einer deutsch-türkischen Integrationsveranstaltung an. Die Parkplatz-Spontanparty der türkisch-tunesischen Hochzeitsgesellschaft kommt da schon besser an, und auch hier wartet Wedding Planner Schärer mit einem kulturverständigen Kommentar auf: Tanzen auf türkischen Hochzeiten sei eben schon eine einmalige Sache. Doch Deutschbraut Nadine meint hinter der vermeintlichen Spontaneität knallhartes Kalkül zu erkennen: «Das ist doch alles so inszeniert und durchgeplant.» Ein Dokusoap-Zitat, das auf der Zunge zergeht wie die Buttercremefüllung einer Hochzeitstorte. Und auch Aylins Bräutigam Kerem macht die Stunde vor dem Fernsehen wett: Auf die Frage, ob ihm seine Braut gefalle, antwortet er: «Sehr hübsch ist sie, ja. Ein Filet ist das, ein FILET.»

Erstellt: 27.06.2013, 15:53 Uhr

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