TV-Kritik

TV-Kritik: Von «Miss Doof» zu «Miss Politik»

Linda Fäh ist Ex-Miss Schweiz und kennt sich so gut aus mit der Politik, dass sie ein eigenes Magazin auf «StarTV» moderieren darf. Ihr erster Gast: Cédric Wermuth. Mit Politik hielt sich Fäh jedoch nicht lange auf.

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Linda Fäh moderiert ein neues Politmagazin namens «Polimag» auf «StarTV». Ja, Linda Fäh, die Ex-Miss Schweiz. Ja, die Blondine, die weder das Matterhorn noch den damaligen Bundesrat Hans-Rudolf Merz erkannt hat. Nein, es ist noch nicht der 1. April.

Buckel und blondes Haar

Und da rauschte die Blondine schon heran in ihrem schnittigen, schwarzen Auto. «Heute macht sich Linda Fäh auf den Weg nach Baden in den Kanton Aargau», sagt die Frauenstimme aus dem Off. «Dort trifft sie den SP-Jungpolitiker, Ex-Jusopräsident und das Enfant Terrible der Schweizer Politszene, den Cédric Wermuth.» Im nächsten Augenblick sehen wir Linda Fäh mit gebückter Haltung über die Pflastersteine der Badener Altstadt stöckeln; mit einem Schritt, der sich im Zeitalter von Topmodel-Sendungen so gar nicht gehört. Die Schulterpolster sind überdimensioniert, das Oberteil funkelnd, die Haare ultrablond und mit Ansatz.

Dann dreht sich Linda Fäh um, schaut keck in die Kamera und legt los. «Er ist jung, charmant, gut aussehend, zudem sehr intelligent, belesen und natürlich politisch engagiert.» Der Einstieg in die neue Karriere als Politreporterin ist geschafft. Dann erzählt sie, dass sie gespannt sei, was für ein Mensch sich hinter dem Politiker verstecke und ob sich Cédric Wermuth für sie in Schale geworfen habe und natürlich, ob seine Wohnung aufgeräumt sei. Das sind also die Dinge, für die sich die Ex-Miss so interessiert.

Ein begehbarer Kleiderschrank!

Warum ausgerechnet Linda Fäh? Diese Frage warf «StarTV» gleich selber auf, als der Sender in einer Medienmitteilung auf die neue Politsendung aufmerksam machte. Die Antwort: Weil sie die Bru?cke zwischen Lifestyle und Politik schlage und somit die perfekte Besetzung sei. Es gehe darum, hinter die Fassaden der Politiker zu schauen. Der Sender will damit das Vorurteil entkräften, Politik sei langweilig. Doch genau das schien es Fäh schon nach der ersten Frage («Wie kommt man auf die Idee, als 13-Jähriger in die Politik einzusteigen?») zu sein.

Jedenfalls wechselte sie nach dieser «politischen» Frage gleich das Thema und wollte unter anderem wissen, was Wermuth sonst noch so machte als Junge (Fussball spielen), welchen Film er zuletzt gesehen hat («Black Swan») und ob er ein Schätzeli hat (ja). Besonders interessierte sich Fäh für Wermuths Kleider und noch mehr für seinen Erker, der in einen begehbaren Kleiderschrank umfunktioniert wurde. Die Sendung erinnerte eher an Patricia Bosers «Lifestyle» in verjüngter Version als an ein ernst zu nehmendes Politmagazin. Die Ex-Miss strahlte die ganze Zeit, legte den Kopf keck in die Schräge und lachte immer einen kleinen Tick zu laut. So wie das manche Frauen bei ersten Dates so tun, wenn ihnen das Gegenüber gefällt.

Dann brachte sie selber noch den einen oder anderen «spontanen» Gag. «Wie du vielleicht weisst, kenne ich mich ja sehr gut aus mit Wahlen, wenn einen Tipp brauchst, kannst du dich melden.» Bei einem jungen Politiker wie Wermuth funktionierte Fähs naive Art zwar gar nicht mal so schlecht. Aber man kam nicht umhin, sich mögliche zukünftige Gesprächspartner vorzustellen: Johann Schneider-Ammann zum Beispiel. Oder Simonetta Sommaruga. Oder Christian Levrat. Ob Fäh bei denen wohl auch den Kühlschrank inspiziert?

«Hol der 's Chrönli!»

Cédric Wermuth liess sich nicht aus der Ruhe bringen und blieb die ganze Zeit über charmant, während unten im Bild verschiedene Informationen eingeblendet wurden. Zum Beispiel, dass «Bart Simpson» Wermuths liebste Comicfigur ist. Auch fand es die Redaktion offenbar lustig, ihren eigenen Senf zum Gespräch beizusteuern. Als Linda Fäh etwa von Wermuth wissen wollte, ob er eine Freundin habe, wurde unten im Bild der Satz «Jaaa, rück schon raus...» eingeblendet. Dann durften die Zuschauer live via SMS oder E-Mail darüber abstimmen, ob Cédric Wermuth in den Nationalrat soll oder nicht. Moderne Art von Demokratie also.

Ja, es war mal etwas anderes. Und ja, es gibt schlechtere Leute vor der Kamera als Linda Fäh. Sie wirkte sympathisch und war zwischendurch ganz schön hartnäckig. Wenn sie bei den «etablierten Politikerinnen und Politikern», die uns «StarTV» für die Zukunft verspricht, genauso unerschrocken nachfragt, könnte es vielleicht sogar amüsant werden. Aber mehr junge Leute für Politik zu begeistern? Sie zur Partizipation am politischen Diskurs aufzufordern? Das wird «Polimag» kaum schaffen. Es geht nicht wirklich um Politik, sondern um Politiker. Zudem wird sich der Gesprächsinhalt wohl auf Lindas Welt beschränken, wie der letzte Satz der Sendung vermuten lässt. Mit «Hol der s Chrönli!», verabschiedet sie sich von Cédric Wermuth. Mit «Chrönli» meint Linda Fäh übrigens den Nationalratssitz.

Erstellt: 18.03.2011, 11:10 Uhr

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