TV-Kritik

TV-Kritik: Wenn Tote durch den Wald rennen

Am gestrigen «Tatort» scheiden sich die Geister: «Das Dorf» ist eine Folge mit filmischen Qualitäten à la David Lynch, die aber manche Eigenschaft der Krimiserie vermissen lässt.

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Moment einmal, gestern Abend stimmte doch etwas nicht: Eben war die TV-Welt noch so schön bunt gewesen und nun kam alles in gedämpften Farben, beinahe schwarzweiss daher. Hatte der Fernseher einen technischen Defekt? Doch der monochrome Film passte irgendwie zur ältlichen Typografie des Vorspanns. Waren wir in eine Zeitmaschine geraten? Bekamen wir beim «Tatort»-Termin einen Edgar-Wallace-Streifen aus den 60er Jahren vorgesetzt?

Gewiss ist: Drehbuchautor Daniel Nocke und Regisseur Justus von Dohnànyi katapultierten uns mit ihrer «Tatort»-Folge mit dem schlichten Titel «Das Dorf» in eine andere Dimension – weit über dem Durchschnitt der Krimi-Serie. Dieser Höhenflug bedeutete aber auch, dass dafür einiger Ballast zurückgelassen werden musste. Eigenschaften, die man sonst von einem «Tatort» gewohnt war, bekam man hier nicht geboten. Dafür brillierte der Film mit anderen Qualitäten und machte «Das Dorf» zu einem Meisterwerk.

Die Nuss im Kopf

Donstein im Kreis Bad Kiesheim – in diesen fiktiven Ort im Taunus wurde der Landeskriminalamts-Ermittler Felix Murot (der grossartige Ulrich Tukur in seinem zweiten Fall) gerufen. Ein Kollege kam in einem Mordfall nicht weiter und bat Murot um Mithilfe. Doch als er im Dorf ankam, war der Fall schon erledigt: Der Täter hatte sich selber gerichtet und hinterliess ein Bekennerschreiben. So machte sich Murot wieder auf die Rückfahrt nach Wiesbaden.

Doch er kam nicht weit: Ein Tumor im Kopf zwang den Ermittler bei der Einfahrt des Dorfes in einem Waldsträsschen eine Rast einzulegen. Und was sah er dort? Der vermeintliche Selbstmörder hechelte gehetzt durch die Gegend. War das nun eine Tatsache oder eine Halluzination wegen «der Nuss im Kopf», wie Murot seine Krankheit umschrieb? Er brauchte Gewissheit, kehrte zurück ins Dorf und ermittelte auf eigene Faust. Er wollte die angebliche Leiche des Täters sehen – doch niemand konnte sie ihm präsentieren.

Stattdessen geriet Murot in die Fänge des Dorfkönigs Beimering (Thomas Thieme) und der Ärztin Herkenrath (Claudia Michelsen): Er thronte wie in Kafkas «Schloss» bedrohlich über dem Ort, sie führte eine für das Kaff überdimensionierte Klinik. Fürsorglich nahm sie dort Murot auf und kümmerte sich um seinen Tumor. Wie sollte er aus dieser Klinik, in der illegaler Organhandel betrieben wurde, je wieder wegkommen?

Sensationeller Auftritt der Kessler-Twins

Die filmische Umsetzung war einfach nur meisterhaft: Verblüffend, wie Murot durch seine Krankheit plötzlich seine Assistentin am Smartphone und alle grimmigen Gestalten in der Dorf-Kneipe zum hysterischen Sound von Sweets «Ballroom Blitz» singen sah und hörte; grossartig, wie er in einer Traumsequenz à la David Lynch mit der Ärztin Herkenrath tanzte, die ihm in den Himmel entglitt und als riesige, bedrohliche Nuss wieder runterfiel; und schlicht genial, wie Murot in einer Halluzination die Mutter Bemering (Alice Kessler) doppelt sah – die Kessler-Zwillinge tanzen den italienischen Bossa Nova «Quando quando quando». Das ist grosses Kino: Allein dieser Auftritt der alternden Showstars hat Spielfilmqualitäten.

Dieser in jeder Hinsicht ausserordentliche «Tatort» scheidet die Geister: Die Puristen werden zu Recht die Glaubwürdigkeit und allenfalls die Spannung vermissen – beides ist durch die verspielte und witzige Umsetzung teilweise auf der Strecke geblieben. Und auch der Reiz des absurd anmutenden Milieus mag manche «Tatort»-Jünger die Nase rümpfen lassen. Aber die Tatsache, dass man nach über 800 Folgen noch so ein ambitioniertes Werk zu sehen bekam, sollte auch die grössten Stänkerer zum Verstummen bringen.

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Erstellt: 05.12.2011, 10:06 Uhr

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