TV-Kritik: Wenn alles aus dem Ruder läuft

«Kursverlust» von Barbara Kulcsar möchte «die grossen Auswirkungen der Finanzkrise im Privaten» zeigen. Dabei kippt nicht nur das Boot der Protagonistin: Auch die Handlung geht unter.

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Das Einfamilienhaus ist frisch renoviert, den Frühstückstisch für die Kinder deckt Julia (Judith Hofmann) immer bereits am Vorabend, und jeden Morgen vor der Arbeit auf dem Sozialamt rudert sie auf dem Bielersee. Dann existiert die internationale Bank, bei der ihr Mann (Beat Marti) arbeitet, plötzlich nicht mehr: Ihm wurde gekündigt. Die guten Zeiten, so wird in «Kursverlust» von Barbara Kulcsar mehrmals betont, die sind vorbei.

Der weise Mann am Lagerfeuer

Es ist die Schlüsselfigur des Films, die irritiert: Während der Freigestellte ausschläft, rudert die Frau wie jeden Morgen über den See – und kentert, als sie am Ufer eine Gestalt an einem Lagerfeuer erblickt. Wenig später sitzt sie mit dem Fremden (Michel Voïta) in seinem Boot am Trockenen, trinkt Kaffee und bedankt sich für ihre Rettung. Dabei hat er sie gar nicht gerettet, sie ist zu ihm hingeschwommen. Wieso, das weiss man nicht. Da hilft auch nicht, dass die Figur prophetengleich inszeniert wird: Der Mann heisst Elias, sein Bart ist eher lang, seine Kleidung eher verlottert und sein Akzent französisch. «Was macht man, wenn sich alles verschiebt?», fragt die nun Trockene bei einem nächsten Besuch. Die weise Einsiedlerantwort: «Man kann sich wehren, oder man verschiebt sich einfach auch.»

Der Arbeitslose zu Hause verschiebt sich derweil kiffend und träumt vom Aussteigerleben in Neuseeland. Doch während der verwitterte Mann vom Ufer für die Protagonistin immer spannender wird, wird der zerknitternde Ehemann immer unattraktiver. Dieser Widerspruch könnte ja interessant sein, nur werden weder ein glaubwürdiger Konflikt mit dem Ehemann noch die Anziehung zum Fremden emotional spürbar. Als Ersterer plötzlich die Tasche packt und geht, lässt einen das kalt, und als der Fremde plötzlich mit Kuchen bei Mutter und Kindern auftaucht, ebenfalls. Das Problem liegt hier bereits im Anfang, als der Mann von seiner Kündigung erzählt: Da passiert nichts. Die Dialoge sind hölzern und bleiben an der Oberfläche, wie diese wiederkehrende Frage des Vaters an den pubertierenden Sohn: «Und suscht, alles klar? Schuel, Training, Liebesläbe?»

Die stille Revolution

Wo zwischen den Eltern nichts passiert, passiert beim Sohn (Pablo Grünig) dafür umso mehr: In den Ruderclub möchte er nämlich nicht mehr, stattdessen will er endlich eine Freundin und steckt beim Randalieren mit seinen Kumpels ausgerechnet fast das Boot des Propheten an. Ein Glück, dass die Mutter auf dem Sozialamt arbeitet und er mit gemeinnützigen Arbeitsstunden davonkommt, in denen er dem Fremden zur Hand geht – und bei ihm die väterliche Zuneigung findet, die ihm bis anhin fehlte. Das ist genauso pathetisch, wie es klingt.

Wenn auch die Beziehungen im Film nicht rüberkommen mögen und die Schauspieler unter unglaubwürdigen Dialogen die Farbe verlieren, schaut man Judith Hofmann gerne zu. Ihr gehören die stärksten Momente des Films: Es ist eine stille Revolution, als sie die Frühstücksgedecke in einer Rotweinnacht nicht an den rechten Platz rückt. Und die Szenen, in denen sie ihre alternde Mutter (Sibylle Brunner) besucht, berühren tatsächlich. Die beiden Frauen haben bereits in Marcel Gislers «Rosie» als Mutter und Tochter begeistert. In «Kursverlust» sitzt ihre Figur am Ende wieder neben dem heimgekehrten Ehemann, der Prophet ist abgereist, zurück nach Frankreich. Das ist einem egal. Weil die Dramaturgie schon von Anfang an aus dem Ruder lief.

Erstellt: 14.10.2013, 08:29 Uhr

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