TV-Kritik

TV-Kritik: «Wenn du das Birchermüesli geschafft hast, dann bist du integriert»

Der gestrige «Club» gab eine Bestandesaufnahme der aktuellen Ausländerdiskussion. Ein Gesprächsteilnehmer überraschte dabei mit seinem Esprit.

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So hatte man sich das nicht vorgestellt. Gross war der Jubel und unbestritten die Sympathie, als in den nordarabischen Staaten Autokraten wie Mubarak oder Ben Ali verjagt wurden. Doch nun spürt man auch hierzulande die Verwerfungen dieser Umstürze; die Zahl der nordafrikanischen Asylanten steigt und die Klagen über schlechtes Betragen häufen sich. Im aargauischen Bettwil formiert sich gar offener Widerstand gegen eine geplante Asylunterkunft. Der gestrige «Club» nahm die Vorkommnisse zum Anlass, diese neue Dimension der Ausländerdiskussion zu thematisieren.

Kein Bettwiler Vertreter

Und so debattierten die allesamt unbekannten Migrationsexperten über ihre Erfahrungen und Nöte mit Neuankömmlingen aus Tunesien. Dabei war es spannend, zu hören, wie sich die Asylproblematik auf der Gemeindeebene konkret zeigte – geht es doch sonst um eher abstrakte Begriffe wie Wanderbewegungen oder Flüchtlingsströme. Viel war von Angst vor dem Unbekannten, von fehlender Information und von Behördenwillkür die Rede; und natürlich fiel der Name Bettwil als Symbol für diese Schwierigkeiten mehr als einmal. Ein Bettwiler Vertreter war denn auch geladen gewesen, hatte den «Club»-Machern aber kurz vor Sendebeginn abgesagt. Er wolle den Dialog mit der Behörde nicht aufs Spiel setzen, so die Begründung. An seiner Stelle wurde die Luzernerin Martha Stöckli-Riedweg geladen, die als Gemeindepräsidentin von Fischbach über ähnliche Probleme berichten konnte.

Im Verlauf der Diskussion bestätigten sich die Gesprächsteilnehmer häufig gegenseitig in ihren allgemeinen Einschätzungen («Der junge Tunesier ist besonders aggressiv»); mehrfach wurde versucht, neue Themenschwerpunkte zu setzen, auf welche die übrigen Teilnehmer dann aber nicht recht eingingen. Die von Daniela Stirnimann-Gemsch aufgeworfene Frage nach der adäquaten Beherbergung von Asylanten etwa behagte der Runde offensichtlich nicht.

Während Stirnimann-Gemsch sich für eine rasche, intuitive Integration («Veranstalten Sie mal einen Suppentisch! Das ist so spannend!») stark machte, liess Philipp Haas vom Bundesamt für Migration keine Zweifel daran, dass die gegenwärtige Praxis eine andere sei. «Die Nothilfe ist ein Mittel, um die Leute mürbe zu machen», bestätigte er etwa einmal. Der Diskussion abträglich war, dass die Aussagen bisweilen auf unterschiedlichen Prämissen beruhten, dass beispielsweise kantonale Zentren mit Bundeszentren oder abgewiesene Flüchtlinge mit Asylanten, deren Antrag noch hängig ist, verwechselt wurden.

Nicht ganz ersichtlich war zudem, weshalb die Sendeverantwortlichen gleich zwei Vertreter der AOZ (Asyl-Organisation Zürich) eingeladen hatten. AOZ-Direktor Thomas Kunz und AOZ-Wohnungsbeauftragte Astrid Willimann machten während der Sendung einen etwas abgekämpften Eindruck. «Die Leute haben sowieso immer Angst, egal, wie gut man sie informiert», sagte Kunz resigniert.

Innovative Aussensicht

Dass sich der gestrige «Club» dennoch zu sehen lohnte, lag am schweizerisch-tunesischen Schriftsteller Amor Ben Hamida. Er kombinierte eigene Erfahrungen mit Fachwissen und Esprit und bot so eine erfrischende Aussensicht auf das Problem der asylsuchenden Tunesier. «Ich bin enttäuscht, dass die Jugend das Land im Stich lässt», sagte Hamida, der bereits als 12-Jähriger in die Schweiz gekommen ist, in seiner Einleitung.

Allerdings sei in Tunesien momentan ein Meinungsumschwung im Gang, da sich die wirtschaftliche Situation nach dem Sturz Ghadhafis im Nachbarland Libyen stabilisiere und im Gegenzug die katastrophalen Zustände auf Lampedusa je länger je besser bekannt würden, sagte Hamida. Er glaube, dass viele der 6000 tunesischen Flüchtlinge «in Anstand wieder nach Hause gehen möchten».

Trotzdem müsse man ihnen und den Neuankömmlingen klarmachen, dass sie hierzulande nicht willkommen seien. Die meisten hätten einerseits eine utopische Vorstellung von der Schweiz und andererseits keine Ahnung von den juristischen Prozedere, denen sie sich unterwerfen müssten. Daher komme ihre Ungeduld, ja Aggressivität, die noch gesteigert werde durch den Umstand, dass das in Tunesien so wichtige soziale Regulativ der Familie wegfiele, erklärte Hamida. Auch seien die jungen Tunesier, die in einem Polizeistaat aufgewachsen seien, mit einer toleranten Gesellschaft wie der schweizerischen überfordert.

Neben solchen sachlichen Ausführungen war Hamida bestrebt, die ernste, teils verbissene Diskussion aufzulockern und gleichsam beiläufig auf die nicht zu unterschätzende Bedeutung des Kulturschocks aufmerksam zu machen. So erzählte er von seinem ersten Schweizer Frühstück; «warum ist es nicht rot, warum nicht scharf», habe er sich als kleiner Pimpf gefragt. «Wenn du das Birchermüesli geschafft hast, dann bist du integriert», sagte er und lachte. Zum Schluss anerbot sich Hamida auch noch, als Dolmetscher zwischen Tunesiern und Betreuern zu vermitteln («wenn man mich einlädt, dann komme ich»).

Keine Frage: Auf diesen Tunesier konnte man nun beim schlechtesten Willen keinen Groll haben. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 07.12.2011, 09:33 Uhr

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