TV-Kritik: Wer bezahlt für die Homöopathie?

Aus dem Geschäft mit den Kügelchen ist eine Milliardenindustrie geworden. Im «Club» wurde nun diskutiert, ob Komplementärmedizin in die Grundversorgung gehört – obwohl ihr Nutzen schwer zu belegen ist.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Vor dem Hintergrund der Kostenexplosion im Schweizer Gesundheitswesen wird seit Jahren um die Komplementärmedizin gestritten. Es ist ein Glaubensstreit, in dem es um die Frage nach der richtigen Medizin geht, darum, ob Ärzte mehr isolierte Krankheitsbilder oder den Patienten als Ganzes behandeln sollen, über wissenschaftliche Methoden und Wirksamkeit jenseits des Placebo-Effekts. Und vor allem natürlich um die Frage, wer das alles bezahlen soll.

Die Doppelblindstudien-Fraktion

So sassen sich denn auch gestern im «Club» zwei unversöhnliche Lager gegenüber, die vorgaben, über Inhalte zu streiten, wo es doch letztlich vor allem um Geld geht. Denn 2009 hat sich die Schweizer Bevölkerung dafür ausgesprochen, die Alternativmedizin zu fördern, weshalb fünf alternative Heilmethoden, von traditioneller chinesischer Medizin bis Homöopathie darauf geprüft wurden, ob sie in den Katalog der Grundversicherungen aufgenommen werden sollen. Doch von den fünf werden voraussichtlich nur zwei die Hürde der sogenannten WZW-Kriterien schaffen, welche Wirksamkeit, Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit der Methoden berücksichtigen.

Auf der einen Seite weigern sich die Anhänger der Doppelblindstudien die Wirksamkeit der Komplementärmedizin anzuerkennen, sofern sie nicht unter den von ihnen diktierten Bedingungen bewiesen wird. Es müssten für alle die gleichen Bedingungen gelten, sagte etwa Toni Bortoluzzi von der SVP, der in der fraglichen Gesundheitskommission sitzt. Womit er zweifellos Recht hat. Flankenschutz gibt ihm Erich Russi, Direktor Klinik für Pneumologie Universität Zürich, der den Part des arroganten Streiters für harte Fakten versus Hokuspokus übernahm. Echte Medizin arbeite mit Konzepten. Und wenn diese nicht wirkten, gehörten sie auf den Scherbenhaufen der Medizingeschichte. Homöopathie befasse sich meistens mit Krankheiten, die ohnehin einen milden Spontanverlauf nehmen. Wenn es einen Effekt gebe, dann wäre das höchstens der Placebo-Effekt. Und Felix Schneuwly, Leiter Politik und Kommunikation Santésuisse, gibt noch einen drauf: Das Volk habe schliesslich nicht über die Kassenpflicht der alternativen Heilmethoden abgestimmt. Und in dieser Frage interessiere die Kassen nur, was wirke.

Versäumnis der Alternativmediziner

Nun ist unbestritten, dass die alternative Medizin in irgendeiner Weise wirkt. Aber am Auftritt der Alternativmediziner gestern war auch abzulesen, womit sie sich schwertun. Wo die Fraktion der Schulmedizin repräsentative Studien fordert, berichten sie von den Erfahrungen in ihrer Praxis, greifen auf Einzelfälle zurück. Thomas Rau, Chefarzt Paracelsus Klinik Lustmühle, beispielsweise erzählt durchaus plausibel von seinen Erfolgen mit chronisch kranken Patienten, bei denen die Methoden der Schulmedizin an ihre Grenzen gestossen seien, denen er aber helfen konnte. Die Frage ist bloss, warum solche Erfolge nicht in der Form geliefert werden können, die auch die Schulmediziner verstehen. Sie wollen keine Einzelbeispiele, sondern 500 Fälle, die im Doppelblindverfahren getestet wurden. «Wenn der Prämienzahler zur Kasse gebeten werden soll, braucht es schon mehr Fakten», sagt Schneuwly. Thomas Rau hingegen spricht vom «verlogenen Argument der Wissenschaftlichkeit».

Kollegin Yvonne Gilli, Ärztin und Homöopathin, immerhin scheint das Problem erkannt zu haben. Sie ist überzeugt, die Wirksamkeit der Komplementärmedizin lasse sich wissenschaftlich nachweisen – wenn man sich darüber verständigen könnte, von welcher Wissenschaft man spreche. Das sei ja eben genau der Punkt der Wissenschaft, erwidert Russi, dass es nur eine Wissenschaft gebe, die universal anwendbar, wiederholbar und experimentell bestätigt sei.

Für Laien ist bezüglich der Wissenschaftlichkeit schwer zu durchschauen, wer Recht hat. Leider gelang es der Fraktion der Alternativmediziner nicht darzulegen, inwiefern sie den wissenschaftlichen Ansprüchen nicht genügen können und warum sie die Argumente als verlogen betrachten. Durchaus denkbar wäre es ja, dass es Gründe gibt, warum die Heilungskonzepte der Komplementärmedizin nicht in das Raster von Doppelblindstudien zu zwängen sind. Die hätte man dann aber auch gern erfahren. Sichtbar war an der gestrigen Runde aber auch, dass vonseiten der Schulmediziner keinerlei Interesse besteht, einen gemeinsamen Weg zu suchen – stattdessen wird vor allem mit Arroganz und Ignoranz operiert. Tatsächlich gibt auch das Lager der Krankenkassen zu, seien weiche Faktoren wie menschliche Zuwendung von Arzt zu Patient in der Medizin zu lange gering geschätzt worden. Dies solle vermehrt in der Ausbildung gefördert werden, aber dazu brauche es eben keine Globuli.

Wären wir also wieder bei den Kosten. Allerdings ist auch hier die Sachlage unklar. Denn weder als Ruth Dreyfuss die Komplementärmedizin in den Grundkatalog aufnahm, noch als Pascal Couchepin sie wieder rauswarf, hatte das einen messbaren Effekt auf die Entwicklung der Prämien, gibt auch Schneuwly zu. Bortoluzzi hingegen möchte der Anspruchshaltung der Patienten einen Riegel vorschieben: die alternativen Methoden würden eben nicht anstelle der, sondern zusätzlich zur Schulmedizin konsumiert, gibt er zu bedenken. Deshalb sei er für einen Systemwechsel. Ihm schwebt ein Management-Care-System vor, bei dem die Ärzte in der Kostenverantwortung stehen, aber dann selber entscheiden können, ob sie dabei klassische oder alternative Medizin anwenden. So hätten die Alternativmediziner Gelegenheit, die Wirksamkeit ihrer Methoden nachträglich doch noch zu beweisen, so Bortoluzzi.

Erstellt: 13.10.2010, 10:49 Uhr

Artikel zum Thema

TV-Kritik: «Ich kenne viele Dummköpfe, die aus Universitäten kommen»

Der umstrittene Buchautor Thilo Sarrazin diskutierte gestern mit Frank A. Meyer über Immigration, Muslime und das Hugenotten-Gen. «Ein ganz heikler Diskurs», meinte Frank A. Meyer. Mehr...

TV-Kritik: Heidi Klum mit Schalldämpfer

Wieder werden in der Schweiz Möchtegern-Models gesucht – diesmal unter dem Matronat des Models Nadine Strittmatter. Das Beste an der Sendung: Sie nimmt sich selbst nicht besonders ernst. Mehr...

TV-Kritik: SF hinters weisse Licht geführt

In der Doku «Jenseits retour» begleitete das Schweizer Fernsehen drei Personen mit Nahtoderfahrungen. Es war wirklich eine gruslige Sendung. Mehr...

Dossiers

Kommentare

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Kunst in der Luft: Seifenblasen machen Spass vor dem Louvre in Paris. (19. Juli 2019)
(Bild: Alain Jocard) Mehr...