TV-Kritik

TV-Kritik: Wetten, dass ... das nichts bringt?

Gestern Abend moderierte Markus Lanz zum ersten Mal «Wetten, dass...?». Er hatte einen schweren Stand.

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Fast hätte man es verpasst. «Wetten, dass...?», Europas grösste Unterhaltungsshow, lief gestern zum ersten Mal nicht mehr auf SF. Dies, nachdem Thomas Gottschalk die Moderation abgegeben hatte. Die Sendung wurde danach bekanntlich überarbeitet: neues Design, neuer Moderator. Markus Lanz heisst dieser und der 42-Jährige war gestern um 20.15 Uhr wohl der nervöseste Mensch der Welt. Dann nämlich schritt er im schwarzen Anzug zu einer aufgefrischten «Wetten, dass...?»-Fanfare die Showtreppe hinunter und sagte: «Ich habe das alles nicht gewollt.»

Klingt so ein Sieger? Dennoch: Mutiger Lanz! Vor ihm lag ein Balanceakt, bei dem er eigentlich nur abstürzen konnte. Auf der einen Seite musste er inhaltliche Neuerungen bringen, da die Quoten von «Wetten, dass...?» selbst unter Gottschalk rückläufig waren. Gerade jüngere Zuschauer schauen sich am Samstagabend lieber bei RTL (wo Gottschalk gestern übrigens als Juror fungierte) das neuste «Supertalent» an, als einem Normalo beizuwohnen, wie er Katzenfutter mit den Füssen erkennt. Auf der anderen Seite galt es, das ältere Stammpublikum nicht zu vergraulen, das gerne einem jungen Kandidaten zujubelt, der irgendeinen Fahrplan auswendig gelernt hat.

Wo war Lopez?

Doch abwarten, vielleicht konnte der Lanz ja was reissen. Und tatsächlich, zum Auftakt eine erste Neuerung. Die Wettpaten nahmen gemeinsam auf der Couch Platz: Schauspieler Wotan Wilke Möhring, die Komiker Bülent Ceylan und Cindy aus Marzahn, Campino, Sylvie und Rafael van der Vaart, Jennifer Lopez und Karl Lagerfeld. Die meisten unter ihnen alte «Wetten, dass...?»-Bekannte, Lagerfeld sass geschätzte 23 Mal bei Gottschalk auf der Couch. Lanz hatte keck angekündigt, den Stars keine Blitzbesuche mehr zu erlauben. Bloss: Jennifer Lopez, der einzige internationale Star, hielt sich nicht an die Vorgabe, jedenfalls war sie nirgends zu sehen.

Egal. Die Frage lautete ohnehin: Würde Lanz den Prominenten mehr entlocken können als Gottschalk, der in erster Linie mehr über sich selbst sprach als über seine Gäste? Würde er ihnen weniger offensichtlich huldigen? Nun: nein. Lanz hatte zwar tiefschürfende Fragen vorbereitet («Herr Lagerfeld, haben Sie jemals eigene Kinder vermisst?»). Doch die Situation (Samstagabendshow, Live-Publikum) liess logischerweise bloss kurz gehaltene, humorvolle Antworten zu. So entstand der Eindruck, Lanz frage seine Gäste der Reihe nach ab, wie ein Journalist es mit Politikern in einer Wahlsendung tut. Plauderstimmung wollte nicht recht aufkommen. Doch wie sagte Frank Elstner im Vorfeld: Die Sendung muss sich wieder auf ihre Kernkompetenz, die Wetten, konzentrieren.

Die Wetten beinhalteten natürlich wie immer Sport, Kinder und Autos. Bloss die Ekel-Wette liess man dankenswerterweise aus – einer, der seine Verwandtschaft an den Mundgerüchen erkennt, hätte gerade noch gefehlt.

Kosmetische Eingriffe

Dann der Tiefpunkt des Abends. Jennifer Lopez stürmte spitzenbesetzt die Bühne und gab einen Euro-Trance-Heuler zum Besten, der DJ Bobo als grossen Elektrokünstler aussehen liess. «Tolle Nummer», sagte Lanz etwas ratlos. Es war symptomatisch für den ganzen Abend. Zwar straffte er das altbackene und überlange Sendekonzept tapfer mit mehr Einsatz, Wetten und Publikumsnähe. Doch solche kosmetischen Eingriffe vermochten den faulen Kern der Show nicht zu beseitigen: Der Prominentenauflauf zieht nicht mehr, Stars sind heute medial omnipräsent. Ein Gefühl der Exklusivität mag nicht mehr aufkommen. Auch Jennifer Lopez, die sich 20 Minuten vor Sendeschluss dann noch für ein paar Frage zur Runde gesellte, änderte daran nichts.

Und sind wir doch ehrlich: Auch die Wetten begeistern nicht mehr, ähnlich kurlige Aktionen sind x-fach auf Youtube zu sehen. Bleibt als Einschaltgrund noch der Moderator. Doch Lanz, der seine Sache zwar ordentlich gemacht hat, ist weder Charismatiker noch Exzentriker. Das Flaggschiff der deutschen Fernsehunterhaltung aber braucht einen Kapitän, der etwas riskiert und sich exponiert – und sei es bloss mit einem modischem Highrisk-Auftritt. Nicht, dass man sich gestern Gottschalk zurückgewünscht hätte. Doch das ohnehin biedere «Wetten, dass...?» verlangt nicht nach mehr Durchschnittlichkeit, sondern entweder nach einem Selbstdarsteller, wie es Gottschalk eben war, oder einem Entertainer, wie Hape Kerkeling es gewesen wäre. Doch dieser lehnte das Angebot zur Moderation ab, und heute wissen wir definitiv warum: Die Sendung ist nicht mehr zu retten. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 07.10.2012, 00:01 Uhr

Umfrage

Nach dem Rückzug von Thomas Gottschalk hat erstmals Markus Lanz die Samstagabendsendung «Wetten, dass...?» moderiert. Ist ihm sein Einstand gelungen?

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«Wetten, dass...?»-Presseschau

«Wetten, dass...?»-Presseschau Zum ersten Mal hat Markus Lanz die Sendung «Wetten, dass...?» moderiert. Die Reaktionen deutscher Medien.

Hoher Marktanteil

Der neue «Wetten, dass...?»-Moderator Markus Lanz hat bei seiner Premiere am Samstagabend eine grosse Fernsehgemeinde an den Bildschirm gelockt. Nach Angaben des ZDF schalteten im Durchschnitt 13,62 Millionen Zuschauer die mehr als dreistündige erste Ausgabe aus Düsseldorf mit dem Nachfolger von Thomas Gottschalk ein. Der Marktanteil in Deutschland lag damit bei 43,7 Prozent. Der Unterhaltungsklassiker hatte eine zehnmonatige Pause eingelegt. (dapd)

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Gottschalks letzter Auftritt

Gottschalks letzter Auftritt Thomas Gottschalk moderiert nach 23 Jahren zum letzten Mal «Wetten, dass...?».

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