TV-Kritik

«Tatort»: Dänen denken nicht nur an Alkohol

Der neue «Tatort» aus Kiel überzeugte mit einer stimmungsvollen Reise in die Vergangenheit, nordischer Melancholie und einer kecken Gastkommissarin.

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Hübsch ist es hoch im Norden, wenn man Sinn fürs Ländliche hat. Der gestrige «Tatort» begann malerisch und führte uns in die nördlichen Gefilde des ländlichen Schleswig-Holstein, wo eine dänische Minderheit das Grenzgebiet besiedelt. Die Menschen dort sehen gut aus, wohnen schön und feiern stimmungsvolle Feste. Zum Beispiel Santa Lucia, die skandinavische Sonnenwendfeier.

Einfühlsame Ermittlungsmethoden

Bei der Zeremonie mit weiss gewandeten Schülerinnen wankte plötzlich ein brennender Mann in die Szenerie, bei der zufälligerweise auch der Kieler Kriminalrat Roland Schladitz (Thomas Kügel) zugegen war. Oder vielleicht doch nicht so zufällig. Denn schnell stellte sich heraus, dass das Opfer ein Kindheitsfreund Schladitz' war und der Fall mit ihm zusammenhing. Doch aus irgendeinem Grund wollte Schladitz Borowski (Axel Milberg) nicht ins Vertrauen ziehen. Dem Kommissar blieb deshalb nichts anderes übrig, als das Rätsel um seinen Chef, das irgendwo in dessen Kindheit seinen Anfang genommen hatte, selber zu ergründen – mithilfe seiner einfühlsamen Ermittlungsmethoden und seiner Partnerin Sarah Brandt.

Melancholisch gefärbt und in ruhigem Tempo ergründete dieser «Tatort» grosse Themen: zwischenmenschliche Beziehungen, Vertrauen, Verantwortung, Schuld und Sühne. Ein Glück, dass mit Frau Einigsen (Lisa Werlinder) eine Gastkommissarin zum Ermittlerduo stiess, die das Schwermütige des Nordens mit blonder Keckheit kontrastierte. Einigsen entpuppte sich als begeisterte Schülerin und glühende Bewunderin Borowskis und war hoch motiviert, ihre Fähigkeiten zu beweisen. «Das ist der erste Mord, für den ich verantwortlich bin!», verkündete sie etwa stolz, als sie sich den Kielern vorstellte. Die Figur mag stellenweise überzeichnet sein, aber Einigsen verhielt sich zum Glück nur zu Beginn wie ein Teenager. Mit ihrer frischen, aufgeschlossenen Art brachte sie Borowski bald in Verlegenheit, zum Beispiel nach einem Gespräch mit einem Zeugen. «Er glaubt, die Dänen würden nur an Alkohol und Sex denken. Was in meinem Fall stimmt.» Borowski reagierte leicht irritiert, ein Missverständnis, das sich wie ein roter Faden durch den Krimi zog.

Bösewicht mit Augenklappe

Als Kompass diente Borowski ein altes Foto aus Schladitz' Kindheit. Denn die darauf abgebildeten Personen hatten alle etwas mit einem Brandunfall im Jahr 1964 zu tun und fielen nach dem Anschlag beim Sonnenwendfest nacheinander Brandanschlägen zum Opfer. Auch Kriminalrat Schladitz wurde bald bei einem Autounfall verletzt, konnte keine Auskunft mehr geben und schien selbst in grosser Gefahr. Der Unfall brach eine weitere Konfliktlinie auf, diesmal zwischen Brandt und Borowski, der seiner Partnerin die Vertrauensfrage stellen musste, da er befürchtete, Brandt könnte den Unfall verursacht haben. Doch nachdem der Kommissar und Brandt sich wieder versöhnt und mit Einigsen zusammen ein paar falsche Spuren verfolgt und die historischen Hintergründe der dänischen Minderheit in Deutschland aufgearbeitet hatten, blieben nur zwei Verdächtige übrig: der dänische Geschäftsmann Kviesgaart (Peter Mygind), der mit seiner schicken Augenklappe auch einen Gegenspieler von James Bond hätte geben können, und die leicht derangierte Anja Jürgensen (Johanna Gastdorf ) – beide hatten mit dem Brand in Schladitz' Kindheit zu tun.

Bevor man aber der Mörderin die alles entscheidende Falle stellen konnte, durfte Borowski nochmals ins Fettnäpfchen treten, als er Einigsens Aufforderung, doch kurz ihr Hotelzimmer zu betreten, als Aufforderung zum Beischlaf auffasste und dankend ablehnte. Bei der späteren gemeinsamen Autofahrt sinnierte er, dass es eben heute so schwierig sei in Europa. «Man sieht gar nicht mehr, wo die Grenzen sind», meinte er mit bedeutungsvollem Blick aus dem Fenster. Eigentlich, so verstand der Zuschauer, sprach er damit auch über sich selber und seine Schwierigkeiten, die Signale der jungen Frau korrekt zu deuten.

Nach einem spannungsgeladenen Showdown im Krankenhaus, bei dem Borowski immerhin beweisen konnte, dass seine kriminalistischen Instinkte trotz allem noch einwandfrei funktionieren, verabschiedete er sich zum Schluss von der Kollegin und gab ihr doch noch seinen Segen: «Sie sind eine gute Polizistin, Sie haben Ihren eigenen Stil», sagte er. Sie antwortete: «Sie auch. Sie sind süss.» Daran könnte Borowski sich gewöhnen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.05.2013, 10:03 Uhr

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