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«Tatort»: «Ganz ordentlich» genügt nicht

Kein patriotischer Ehrgeiz, kein Markendenken, keinen Mut – und wohl auch der falsche Kommissar: Das SF vergeigt mit dem ersten Schweizer «Tatort» eine Riesenchance, findet Regisseur Samuel Schwarz.

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«Ganz ordentlich» sei er geworden der neue Schweizer «Tatort» – der von SF-Kulturchefin Nathalie Wappler wegen mangelnder Qualität zurückgezogen worden ist – meint Regisseur Markus Imboden zu seinem Film. Schäbigerweise wird dann sofort von Regie und SF einer abwesenden Star-Schauspielerin aus den Staaten eine Mitschuld an dem (angeblich) mangelhaften Produkt gegeben. Sie wolle halt nur schön aussehen und nicht eine tiefgründige Figur spielen, heisst es – als würde sich das gegenseitig ausschliessen. Und als läge das Funktionieren eines solchen Stars nicht in Händen der Regie. Ungeachtet der Möglichkeit, dass hier vielleicht nur ein Paukenschlag zur Macht-Konstituierung der neuen SF-Kultur-Leitung erfolgte – und der Film vielleicht doch nicht so schlecht ist – spricht dieses «ganz ordentlich» doch Bände.

Nach neun Jahren Absenz von der Plattform, die hiesigen Schauspielern, Drehbuchautoren, Regisseuren, Produzenten und Redakteuren die Möglichkeit eröffnet, sich einem Millionenpublikum in Deutschland und Österreich zu präsentieren, sollte die Messlatte für diese Aufgabe doch sehr, sehr hoch liegen. Die Batterien sollten eigentlich voll aufgeladen und die besten Kräfte am Start sein – erfüllt von fast schon patriotischem Ehrgeiz.

Die Frage nach dem Kommissar

Insofern: Haben wir wirklich den besten Kommissar am Start? Klar, das ist eine subjektive Frage. Aber nicht nur. Wenn man sieht, mit welch kräftigen Pinselstrichen – durchdrungen von Handwerk und Raffinesse – beispielsweise die Schimanski-Figur in den 80er-Jahren eingeführt worden ist, erstaunt es einen nicht, dass diese Figur von der ersten Folge an Kultstatus erreichen konnte. Klar, ein solcher Glücksgriff hinsichtlich Milieu, Schauspieler und Story ist eine Seltenheit. Auch Lena Odenthal – die SWR-Kommissarin – eine reflektierte, komplexe und widersprüchliche Figur – und trotzdem immens erfolgreich – schüttelt man nicht einfach so aus dem Ärmel. Sie entwickelt sich auch aus der Kontinuität der produzierten Folgen. An der Aufgabe, einen Schweizer Horst Schimanski, eine Schweizer Lena Odenthal – also eine über Jahrzehnte funktionierende Figur zu kreieren – kann und darf man durchaus scheitern. Trotzdem: Es müsste das Bestmögliche unternommen werden, dass eine solche Marke entstehen kann. Aus dem Gelingen dieser Unternehmung würden ja für die ganze Schweizer Filmbranche spannende Aufgaben und Chancen erwachsen.

So stellt sich für mich als Schauspieler-Regisseur die eine der zwei Hauptfragen, die die Schweizer Filmszene – eingespielt in die gemütlichen «Ganz ordentlich»-Routinen – sich wohl zu wenig genau gestellt hat: Die Frage nach dem Kommissar, der Kommissarin. Bruno Cathomas, Ueli Jäggi, Philippe Graber, Sabina Timoteo, Roeland Wiesnekker, Philipp Stengele, Bettina Stucky etc. Man könnte diese Reihe von hervorragenden, intelligenten und doch volkstümlichen Schauspielern noch um sicher zwanzig Namen erweitern. Und wer macht dann den Kommissar? Stefan Gubser. Warum und wieso eigentlich? Wurde da nicht zu wenig tief geschürft? Nicht, dass ich etwa Stefan Gubser grundsätzlich jedes Talent absprechen würde – gewisse Charaktere hat er sicher gut drauf – trotzdem macht mich diese Wahl doch skeptisch. Irgendwie fehlt mir der Beweis des Schimanski- und Odenthal-Potenzials bei Stefan Gubser. Seine Popularität und seine Kompetenz scheint mir eher eine systeminterne Behauptung der sich selbst genügenden Schweizer Film-Szene zu sein – und nicht bewiesen in Glanzleistungen auf dem Theaterparkett oder auf der Leinwand.

Wir haben nur eine «Tatort»-Chance

Auch die Tatsache, dass Gubser die Entstehung des ersten «Tatorts» nach neun Jahren als Produzent mitbetreut, ist ungewöhnlich. Ebenso wie die Tatsache, dass man die Autorenschaft an einen deutschen Autoren abgibt, der sich auf dem deutschen «Ganz ordentlich»-Parkett des konventionellen TV-Movies schon ein paar Mal bewiesen hat. Doch hier geht es nicht um ein «ganz ordentlich», hier ginge es um Neuschöpfung, Originalität und Kreativität, die europäische Massentauglichkeit, Intelligenz und Lokalkolorit vereinen müsste. Eine schwierige, aber spannende Aufgabe, fern der Beschaulichkeit des normalen Sonntagabend-TV-Movies (die durchaus ihre Berechtigung hat, aber nicht bei diesem Format). Wir haben nur eine «Tatort»-Chance, also müssten wir sie auch packen! Rau, sensibel, saftig, klug und erfolgreich müsste so ein Produkt sein. Eben: Eine Marke für Millionen.

Man fragt sich schon, wie lange es noch dauert, bis dieser Filz und dieser Dilettantismus, der sich in diesen Vorgängen zeigt (und der im Moment in der Schweizer Branche noch als «professionell» gilt), durch einen kräftigen Paradigmen-Wechsel, eine Neudefinition von «Professionalität» abgelöst wird. Das Einschreiten der TV-Kulturchefin ist auch ein Hoffnungsschimmer, dass sich hier ein neues Qualitätsbewusstsein breitmachen könnte. Oder – was auch möglich ist, denn noch fast niemand hat den Film gesehen und folglich muss man diese Möglichkeit fairerweise auch andenken: Die Gubser-Figur funktioniert trotz meiner Skepsis.

Harte Bullenrealität der «Tatort»-Welt

Reto Flückiger – so heisst der Kommissar, der schon in den Bodensee-«Tatort»-Folgen vorkam – hat im neuen Schweizer «Tatort» namens «Wunschdenken» offenbar zweimal Sex. Tatsächlich keimte in mir schon die Hoffnung, dass sich Stefan Gubser eine Figur hat schreiben lassen – und die könnte er perfekt spielen, das meine ich ehrlich und nicht despektierlich! –, die alle spannenden Widersprüche einer Figur wie jener von David Duchovny in der TV-Serie «Californication» in sich vereint: Ein charmanter, spannender, sexsüchtiger Kerl, der trotz vieler negativer Charaktereigenschaften das Herz eines Millionenpublikums in Minuten erobern könnte.

Doch bleibt es bei der Hoffnung? Wie SF gestern vermeldete, war einem so viel Sex nicht geheuer – und so wurde eine Liebesszene gestrichen. «Wunschdenken» – was für ein treffender Name für den ersten Schweizer «Tatort». So bleibt nur noch der Wunsch, dass für die zweite Folge namens «Skalpell» mit scharfen chirurgischen Eingriffen – vorgenommen durch die besten Autoren des Landes – die Kommissar-Figur anderweitig verschärft wird, so dass Reto Flückiger sich in der harten Bullenrealität der «Tatort»-Welt durchsetzen kann und sich als glänzender Stern am europäischen TV-Himmel erweisen wird.

Erstellt: 17.02.2011, 10:43 Uhr

Samuel Schwarz, geboren 1971, ist Gründer und Leiter der Theatergruppe 400asa. 2008 gründete er die Kamm(m)acher GmbH, eine Stoffentwicklungsfirma für Theater, Film & Internet. Im Moment schreibt Samuel Schwarz im Auftrag des SWR den Science-Fiction Stoff «Der Polder» und ist an der Endfertigung des Spielfilms «Mary & Johnny» ( u.a. mit Nadine Vinzens, Philippe Graber, Andrea Zogg, Nils Althaus & Marcus Signer )

Luzerner «Tatort»-Team: Stefan Gubser und Sofia Milos.

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